Wo die Libellen flirrend jagen

Die Momente, in denen man einem Wildtier von Auge zu Auge gegenüber steht, sind selten und darum besonders wertvoll. Dass ein solcher Moment auch mit einer Libelle möglich ist, hätte ich nicht gedacht, mal abgesehen davon, dass die Augen dieses Insekts sehr anders sind als jene der Gruppe der Säuger, zu denen auch ich gehöre. Ich war gerade auf dem Heimweg entlang des Egelsees in Bern, wobei dieses Gewässer von seiner Grösse und Tiefe her mitnichten mit einem See vergleichbar ist. Es handelt sich eher um einen Weiher. Libellen gibt es dort dennoch viele. Sie jagen wie wild über die Wasseroberfläche oder vollführen flirrende Flugbewegungen.

An jenem Morgen stand mir auf den Fussweg plötzlich auf Augenhöhe eine Libelle gegenüber. Sie stand förmlich still – vor mir in der Luft. Und ich stand still, weil ich mich nicht vorwärts wagte. Es handelte sich um eine eher grössere, dunkle, leicht martialisch wirkende Libelle. Sie schien einzuschätzen, was sie mit dem Objekt vor sich anfangen sollte, das sich ihr in die Flugbahn gestellt hatte. Ich fragte mich, wie gefährlich ein Zusammenstoss mit einer Libelle sein könnte. Die Antwort nahm mit die Libelle jedoch nach zwei bis drei Sekunden ab. Sie änderte die Richtung leicht und flog in einem Halbkreis elegant um mich herum.

Ich bin wohl nicht die einzige, die von diesem so filigran dahinjagende Insekt fasziniert ist. Libellen sind aber leider gefährdet und einige Arten sind in der Schweiz bereits ausgestorben. Wie es ihnen genau geht, haben unlängst Daniel Küry und Raphael Krieg anhand des Kantons Baselland wissenschaftlich untersucht. Nun liegen Daten zu den Libellenarten und ihren Lebensräumen vor. Die zwei Biologen haben im letzten Jahr einen Bericht über ihre Resultate geschrieben mit dem Titel Libellen schützen, Libellen fördern im Kanton Basel-Landschaft – Libellenarten, Gefährdung und ökologische Aufwertung ihrer Lebensräume. Untersuchung wie Bericht sollen unter anderem zu einem kantonalen Aktionsplan zum Schutz der Libellenarten und ihrer Lebensräume beitragen. Wie es um den Bestand der Libellen in andern Schweizer Kantonen steht, wäre wohl noch zu untersuchen.

Ich möchte hier leicht gekürzt die Pressemitteilung, also gleichsam den O-Ton der Autoren wiedergeben:

Den Libellen im Kanton Basel-Landschaft Flügel verleihen

„In der Studie «Libellen schützen, Libellen fördern im Kanton Basel-Landschaft» hat der Gewässerschutzverband Nordwestschweiz erstmals eine Übersicht und eine vertiefte ökologische Analyse der Libellenfauna im Baselbiet zusammengestellt. Das zwischen 2018 und 2023 durchgeführte Projekt stellt die Verbreitung von 62 im Kanton nachgewiesenen Arten vor und zeigt die Gefährdung und Massnahmen zum Schutz und zur Förderung dieser faszinierenden Insektengruppe auf. Im Rahmen eines Aktionsplans sollen die bedrohten Libellenarten geschützt und gefördert werden.

Zwischen 2018 und 2022 haben die beiden Autoren Daniel Küry und Raphael Krieg mit Unterstützung von weiteren Libellenspezialisten über 180 stehende Gewässer und mehr als 60 Strecken von Fliessgewässern im Kanton Basel-Landschaft untersucht und dabei 42 Arten nachgewiesen. Betrachtet man alle Daten zwischen 2010 und 2022 erhöht sich die Zahl auf 54 Arten. Zusammen mit allen Funddaten aus dem 20. Jahrhunderts und Belegen aus Museumssammlungen ergibt dies für das Kantonsgebiet eine Libellenfauna von 62 Arten.

Bedrohte Vielfalt

Als besonders libellenreich erwiesen sich das Leimental, das untere Birstal und das Laufental, während im Oberbaselbiet die Artenzahl erwartungsgemäss etwas geringer war. Der Kanton gilt aufgrund seiner geografischen Gegebenheiten als gewässerarm im Vergleich zu anderen Regionen der Schweiz, weshalb diese hohe Vielfalt erstaunlich ist.

Die Vorkommen und die Häufigkeiten verschiedener Libellenarten haben in den letzten 25 Jahren stark abgenommen. Die aktuelle Untersuchung erlaubte es, den Rückgang der Arten abzuschätzen und eine Rote Liste fürs Baselbiet zu erarbeiten. Darin werden von 42 sich regelmässig im Kanton fortpflanzenden Arten 13 (31%) als gefährdet oder ausgestorben eingestuft. Weitere fünf Arten (12%) gelten als potenziell gefährdet.

Bedeutende Arten und Lebensräume mit Aktionsplan schützen

Besonders viele Libellenarten bewohnen ehemalige Abbaugebiete, grössere Naturschutzreservate und ausgedehnte, teilweise historische Weiher. In einem einzelnen Stillgewässer können sich über 20 Arten entwickeln. Bei den Fliessgewässern lagen die Schwerpunkte der Libellenvorkommen vor allem in der Birs, im Unterlauf der Ergolz sowie in kleineren Bächen mit besonnten Abschnitten. Im Verlauf der Untersuchungen zeigten sich Lücken des Kenntnisstands der Libellenvorkommen in Fliessgewässern.

Die Studie stellt Massnahmen zum Schutz und zur ökologischen Aufwertung der Fortpflanzungsgewässer und ihrer Umgebung vor, mit denen die bedrohten Libellenarten gefördert werden sollen. Mit den Aufwertungen werden zudem die Voraussetzungen dafür schaffen, dass lokal verschwundene und nur sporadisch auftauchende Arten sich wieder regelmässig fortpflanzen können. Zur Umsetzung von gezielten Massnahmen skizzieren die Autoren die Eckpunkte für einen Aktionsplan Libellen, der für die einzelnen Typen der Entwicklungsgewässer spezifische Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Von diesen Förderungsmassnahmen profitieren jedoch nicht nur die Libellen. Sie kommen vielmehr der gesamten Gewässer-Lebensgemeinschaft bestehend aus Amphibien, Wasserpflanzen, Wasserkäfern, Wasserwanzen, Schnecken, Muscheln und weiteren Organismengruppen zugute. (…)

Jede Art in Wort und Bild

Ein ausführlicher Teil mit Steckbriefen aller im Kantonsgebiet vorgekommenen und vorkommenden Libellenarten zeigt jeweils das Verbreitungsgebiet, allfällige Gefährdungsursachen sowie Massnahmen zu deren Förderung. Erstmals liegt damit auch eine umfangreiche Publikation zur kantonalen Libellenfauna vor, mit der Beobachterinnen und Beobachter ihre Funde auf regionaler Ebene einordnen können. In einem zweiten Schritt werden die Libellendaten ins geografische Informationssystem des Kantons Basel-Landschaft (www.geoview.bl.ch) integriert (noch nicht erfolgt) und stehen dann im wichtigsten Planungsinstrument des Kantons zur Nutzung bereit.

Erste Schritte zur Umsetzung der Schutz- und Förderungsmassnahmen sind bereits getan, indem die kantonale Naturschutzfachstelle eine «Koordinationsstelle Libellen und ihre Lebensräume» schuf, die Beratungen durchführt sowie Massnahmen zur Verbesserung der Kenntnis der Vorkommen von Fliessgewässerlibellen anregt und umsetzt. Mit ihrer Hilfe sollen die Informationen nicht nur in der vorliegenden Form bereitgestellt, sondern direkt den Akteuren weitergegeben werden, die im praktischen Naturschutz tätig sind.

Im Jahr 2024 findet deshalb auch ein Grundkurs zur Kenntnis der Verbreitung, Biologie und Ökologie der Libellen in der Region Basel statt.

 

 

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.

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