Die Wildnis in der Stadt lebt (und heilt)

Wir wohnen mitten in der Stadt Bern und haben das grosse Glück, einen Garten zu besitzen. Unter anderem mit einer mehr als hundertjährigen Buche darin, die unserem Haus Schatten und dem ganzen Quartier Sauerstoff spendet. Wir haben sie mit einer weissen „Sonnencrème“ eingestrichen, damit sie den Hitzestress von der asphaltierten Strasse, die an unserem Haus vorbeiführt, besser aushält.

Wir haben auch verschiedene Hecken, Eiben, Efeu, Rosen und selbst einige Pflanzen, die man entweder essen oder wegen ihrer Heilkraft nutzen kann wie die Wegwarte, die Akelei, der Löwenzahn oder die Skabiosen. Unser Garten ist nicht durch uns angelegt worden und nicht perfekt im Sinne der Biodiversität. In der Mitte prangt ein Rasen, das Lieblingsstück meines Partners. Manchmal kann man nicht alle und alles sofort ändern ;).

Akelei

Akelei (C. Acklin)

Überraschendes oder die Wildnis in der Stadt lebt

Doch neben der städtischen adretten Gartengestaltung gibt es auch Ecken für Überraschendes, für Wildes wie etwa ein Brunnenlebermoos, das spontan in meinem stillgelegten und bepflanzten Brunnen aufgetaucht ist. Oder einen Fuchs, der auf seinen nächtlichen Touren auf unserem Rasen Häufchen hinterlässt, die wir nur bedingt schätzen.

Ausgelöst durch das Leiden unserer Buche kam ich auf die Idee, einen Podcast zur Stadtnatur mit dem Titel „Die Natur und die Stadt – Nature and the city“ zu produzieren und regelmässig zu bloggen. Als ich diesen Blog-Beitrag schreibe, verspüre ich den Drang, ein wenig zu reflektieren, was ich letzthin gelernt habe. Denn ich bin ja keine Biologin oder Botanikerin. Meine tollen Interviewpartner haben mir unendlich vieles beigebracht. Diese Fachpersonen geben der Natur in der Stadt eine Stimme und sie geben Tipps für jede und jeden. Wie anderswo auch wird die Natur in der Stadt immer weiter in die Ecke getrieben.

Gartenskabiose (C.Acklin)

Gartenskabiose (C.Acklin)

Mehr Dreck in unseren Gärten

Da war etwas, das all die vielen Fachleute, die ich über die letzten 3.5 Jahre interviewt haben, immer wieder in Variationen gesagt haben: Erlaubt mehr Dreck in Euren Gärten. Lasst die Äste liegen und im Herbst die Pflanzen stehen, die ihr gerne in die Grüntonne entsorgen würdet. Hört auf mit dem langweiligen Abstandsgrün zwischen den Reihen von Hoch- und Einfamilienhäusern. Putzt nicht so viel, denn dort auf dem Stückchen Moos wächst gerade dieser kleine, aber seltene Pilz. Wandelt Rasen in Blumenwiesen um. Schafft mit der Unordnung neue Lebensräume – und dies mitten in der Stadt. Denn jeder kann selbst mit einem Pflanzentopf auf dem Balkon zur Vielfalt, zur Biodiversität beitragen. Eigentlich wissen dies mittlerweile alle. Aber wir müssen halt aushalten, dass ein biodiverser Garten anders aussieht als der Standardrasen des Nachbarn, der beim Vorbeigehen die Nase rümpft.

Wegwarte (C.Acklin)

Wegwarte (C.Acklin)

Für meinen Podcast «Die Natur und die Stadt – Nature and the city» hatte ich das Glück mit Spezialisten für Biber, für Alpen- und Mauersegler, Kleinsäuger, Saatkrähen, Pilze, Stadtbäume usw. und usf. Gespräche führen zu können. Sie alle wiederholen, dass Stadtmenschen mit Wildtieren oder -pflanzen koexistieren können, wenn sie ihre Gärten und Balkone mit Totholz, mit Laubhaufen, Nistmöglichkeiten, Schmuddelecken usw. ausrüsten. Und darüber hinaus auch: mit Ruhe und genügend Raum. Was die Städter:innen damit ermöglichen, ist ein Gegenwert, der sich sehen lassen kann: wie der Gesang der Vögel im Frühling, die Ohs und Ahs von Kindern, wenn sie einen Schmetterling sehen oder eine Libelle. Natur in der Umgebung in Form von Parks, Strassenbäumen, Teichen oder gar renaturierten Flussufern tun uns psychisch wie physisch gut. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Natur in der Stadt und speziell das Gärtnern entspannen. (Siehe dazu die Episode «Warum Gärtnern entspannt»).

Eibe (C. Acklin)

Eibe (C. Acklin)

Brachen oder Ruderalflächen sind das Grösste für die Förderung der Biodiversität

Und von der Phytotherapeutin und Kursleiterin Sarah Zehnder habe ich unlängst gelernt, dass überall dort, wo wir Stadtmenschen nicht hinschauen, Ungeheuerliches passiert. Dort beginnen sich unbemerkt Wildpflanzen anzusiedeln. Brennesseln, Löwenzahn oder Spitzwegerich. Auf sogenannten Ruderalflächen, auf brachliegenden Schotterflächen wie es sie etwa auf alten Industriebrachen gibt oder auch nur an einer schlecht gepflegten Strassenecke, auf Flachdächern oder auf Fahrradunterständen, siedeln sich Pionierpflanzen an, die mit den widrigen Konditionen umgehen können und oft den Weg bereiten für andere Pflanzen, die eine magere Umgebung schätzen. Diese Schmuddelecken sind oft gar artenreicher als jedes Standardgrün. Sarah Zehnder empfiehlt auch, nach einer Wanderung im Wald, die Erde von den Schuhen abzustreifen und in einen ungenutzten Balkontopf zu kippen. Nächstes Jahr wird man dort viele Überraschungsgäste in Empfang nehmen können.

Unkraut oder Heilkraut

Dieses Unkraut – wie böse Zungen die Wildpflanzen gerne nennen – sind oft auch Heilpflanzen. Die Brennnessel mit ihrem Wirkungskreis für Blasenbeschwerden und rheumatische Erkrankungen gehört standardmässig in jeden Garten und Löwenzahn-Blätter in einem Frühlingssalat sind eine Wohltat für die Leber. Viele Wildkräuter verfügen über 40 Prozent mehr Vitalstoffe als herkömmlicher Salat aus dem Supermarkt. Die kleine Wildnis in der Stadt ist also weder Dreck noch Unkraut, sondern eine wahre Schatzkammer für Stadtbewohner:innen.

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.