Dies ist mein zweiter Essay, den ich (auch) hier veröffentliche. Hinter dem Titel versteckt sich – in der Tat! – ein Text, der von der Liebe handelt und wie diese heute in einem Teil der Popkultur dargestellt wird. Der Essay fällt ein wenig aus dem Themenkanon meines Blogs heraus, holt aber am Ende wieder dazu auf. Denn dass eine Sprache für die Liebe eine Sprache der Natur ist, diese Behauptung hat eine ökophilosophische Dimension. Wer also die Geduld aufbringt, alle Teile des Essays zu lesen, findet zurück zu „Nature and the city“ und meinen liebsten Themen.
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Teil 4
Taoismus, die Philosophie für den Anthropozän
Man kann ohne Gefahr sagen, dass der Taoismus auf alten animistischen oder schamanischen Traditionen, Mythen und Märchen beruht, wie sie in China, Korea oder Japan reichlich vorhanden waren und trotz der herrschenden Staatsphilosophie des Konfuzianismus vom einfachen Volk weitergereicht wurden. Benjamin Hoff, der amerikanische Übersetzer eines zeitgenössischen Tao Te Ching, des wichtigsten Textes des Taoismus des Geheimnis-umwobenen Autors Laotse, hat sich in jahrelanger Arbeit über eine Zeichenschrift gebeugt, die noch vor den chinesischen Schriftzeichen existierte. Er hat die Patina von diesem Text weggekratzt, bestehend aus falschen Übersetzungen des Originals in chinesische Schriftzeichen, aus fehlerhaften Kopien oder gar aus eigenmächtigen Ergänzungen späterer Gelehrter.
Wie ich Hoffs The eternal Tao Te Ching. The philosophical masterwork of Taoism and its relevance today, seine Übersetzungen und Notizen zu jedem einzelnen Absatz lese, bin ich begeistert. Denn das Tao Te Ching hat den Menschen im Anthropozän viel zu bieten: Es erklärt, wie aus dem Nichts und einem für uns unbegreifbaren Ursprung durch die Interaktion des Himmels mit der Erde die Tausend Dinge entstehen, die manifeste Welt der Natur.
Laotse und andere Gelehrte zogen Kontemplation, Meditation und wohl auch Körperübungen wie das Tai-Chi heran, um die Naturgesetze zu verstehen, die unsere Wirklichkeit materiell wie immateriell erschaffen. Mehr noch, die Natur war für sie eine Lehrerin. Von ihr lernten sie Prinzipien für eine friedliche und harmonische Lebensführung in Übereinstimmung mit dem Tao, dem Weg. Die Philosophie, die erst später auch als Religion praktiziert wurde, war ein Mittel, um die Komplexität des weltlichen wie auch des spirituellen Lebens zu ordnen und zu verstehen. So hält der Taoismus Lehren und Prinzipien für jeden Einzelnen wie auch für Regierende bereit, für das Management von Gemeinschaften genauso wie des Militärs.
Ein Beispiel für ein solches Prinzip ist das Wuwei, das Nichteingreifen. Die beste Veranschaulichung für dieses Prinzip ist ein Fluss. Laotse rät den Herrschenden im Absatz Rulers of the hundred valleys, sich wie ein Fluss zu verhalten, sich stets am tiefsten Punkt in einem Tal wie an den Geringsten in der untersten Schicht der Gesellschaft zu orientieren.
Ruler of the hundred valleys
The wide rivers and expansive lakes
Are able to be rulers of the hundred valleys
Because they are good at positioning themselves
In the lowest places.
That is what enables them to rule.
So those who want to rule the people
Must with their words be below them.
Those who want to lead the people
Must place themselves behind. (…)
Aus: Benjamin Hoff (2021): The Eternal Tao Te Ching. The Philosophical Masterwork of Taoism and its Relevance Today
Herrschende sollen mit Yin, der weiblichen, passiven Kraft des Flusses regieren und nicht mit Yang, der männlichen dominanten. So gesehen ist das Tao Te Ching auch ein politisches Buch, das in subversiver Weise die damals gängigen Konzepte des Konfuzianismus in Frage stellte. Letzterer war viele Jahrhunderte in China staatstragend. In ihm wurden Rollen, Hierarchien, Rechte und Pflichten sowohl für Familienangehörige wie für Beamte in der politischen Administration definiert. Dieses strenge Regelwerk könnte nicht weiter entfernt sein von den Zauberern und sonstigen Individualisten, wie sie der Taoismus hervorbrachte.
Dass der Taoismus sich so direkt auf die Natur bezieht und sie gleichsam als Begründung für Prinzipien menschlichen Handelns herbeizieht, macht diese Philosophie heute zu einer Verbündeten, um nicht zu sagen zu einer Grundlage für aktuelle Ökophilosophien. Wer im Westen den Klimanotstand nicht nur als einen Anstieg der Temperaturen und der Extremwetter versteht, sondern als Kritik an einer Denkweise, die über Jahrhunderte den Raubbau an der Natur legitimierte, der wird der Diagnose zustimmen, dass in unseren Energie-, Nahrungs- oder Banken-Systemen zu viel Yang am Werk ist. Lobbyisten und Politikerinnen haben sich einer natürlichen Ordnung entfremdet. Und damit meine ich nicht des Bildes einer romantisierten, herzigen Natur, sondern von der wissenschaftlichen Tatsache, dass man die Natur nicht mit Giften traktieren kann, ohne damit unsere Lebensgrundlagen zu schädigen[1].
Nochmals ein Wort zu Erich Fromm: Er hat sich in einem wesentlichen Punkt geirrt. In die Kunst des Liebens beschäftigt er sich auch mit der Liebe zu Gott. In einem grossen Bogen entwirft er eine Evolutionsgeschichte der Weltreligionen und deren Epochen, die heute so nicht mehr stimmig ist. Denn Fromm beschreibt die Unterschiede zwischen den Religionen in Form einer hierarchischen Abfolge. Er zeichnet das Bild eines Aufstiegs vom primitiven Menschen und seiner Schamanen, der dumm und zitternd vor den Naturgewalten auf den Knien lag, zu den elaborierten asiatischen Philosophien des Buddhismus oder Taoismus.
Er übersieht dabei, dass sich beide Philosophien aus animistischen und schamanischen Wurzeln entwickelt haben und diese transzendieren. Ausserdem wäre in seiner hierarchisierenden Abfolge das Christentum schamanischen Traditionen übergeordnet, obwohl in dessen Namen unsägliche Gräueltaten verübt wurden, nicht nur an den Völkern anderer Kontinente, sondern auch an der Natur. Gewisse Maximen des Christentums wie das «Mach’ Dir die Erde untertan» durchdringen immer noch das Denken mächtiger und gieriger Akteure. Da liest sich das Tao Te Ching wie ein erfrischender Bergquell – womit ich nicht in Abrede stellen will, dass asiatische Länder die Natur ebenfalls wie westliche ausgebeutet und drangsaliert haben. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass es keinen Wandel ohne ein planetarisches Bewusstsein geben kann.
Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur
Im Moment ist Südkorea das pulsierende Herz der internationalen Creative Economy. Es ist jung und noch nicht so arteriosklerotisch wie die Herzen anderswo. Ein wiederkehrendes Motiv, das ich so nur in südkoreanischen K-Dramen gesehen habe, sind Ärztinnen und Ärzte, die rittlings auf einem rollenden Bett auf ihren Patienten und Patientinnen sitzend durch die Spitalgänge Richtung Operationssaal rasen, während dessen sie mit Inbrunst Herzmassagen verabreichen. Nur selten verlieren sie die Todgeweihten und sie wischen sich – wenn auf den Kontrollmonitoren wieder schön grüne Kurven erscheinen – befriedigt den Schweiss von der Stirn.
Aber seien wir ehrlich: Auch dieses Show Biz beutet seine Schätze gnadenlos aus. Südkorea ist mit einer nicht überschaubaren Armee von Geschichtenerzählern, Musikerinnen, Tänzern und Schauspielerinnen ausgestattet, die nicht davor zurückschrecken, mit pochenden Herzen, viel Romantik, Schmalz und Klugheit die Welt zu erobern – und zu endlosem Kitsch beizutragen. Es drängt sich mir das Bild einer grossen Menge von virtuosen Zuckerbäckerinnen auf. Aber wer mag nicht Süsses.
Dass ausgerechnet ein Land, dass vierzig Eroberungen über sich ergehen lassen musste, nun mit einer hallyu, einer Welle aus Frische, Jugendlichkeit, Verrücktheit und reizenden Klischees die Welt überrollt, hätte bis vor Kurzem niemand geahnt. Wie schon gesagt, schöpft Südkorea aus einem immer noch gut zugänglichen kulturellen Erbe, in dem sich glorreiche wie leidvolle Geschichte verschiedener Kaiserreiche und ihrer Untertanen, Lehren des Schamanismus, Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus vermischen mit der Schmach, sich nur mühselig von einer Drittwelt-Ökonomie zu einer Wirtschaftsmacht gemausert zu haben. Noch Ende der 90er-Jahre hat der Internationale Währungsfonds IWF Südkorea gedrängt, sich seiner Vetternwirtschaft zu entledigen und stürzte die koreanische Wirtschaft damit in eine tiefe Krise. Gedemütigt zog sich das Land am eigenen Schopf aus dem Sumpf – unter anderem mit Hilfe des Golds der Eheringe seiner Bürger und Bürgerinnen.
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Rede ich einen künstlichen Zusammenhang zwischen meiner K-Drama-Obsession und möglichen Strategien gegen den Klimawandel herbei? Vielleicht. Aber über meine Hypothese nachzudenken, lohnt sich zumindest: Eine Sprache für die Liebe als eine Sprache der Natur ist ein Mittel, um jenes Bewusstsein zu verändern, das uns an den Abgrund der Klimakrise geführt hat. Ich frage mich also, ob die Verbindung von Naturerfahrung mit einer Sprache für die Liebe nicht mehr bewirken kann als die aktuelle Weltuntergangsstimmung und andere Ausreden. Ich wage diesem Gedanken Raum zu geben, weil ich auf der Suche nach Lösungen bin. Denn nichts und niemand kann heute die Tatsache leugnen, dass sich unser Planet schneller erwärmt, als für ihn und uns gut ist. Doch das soll uns die Freude an der Liebe zu Mensch und Natur nicht verderben.
Mit einer Sprache für die Liebe als Sprache der Natur werden wir lebendig, verstehen wir, dass in uns, in unseren Beziehungen die gleiche Kraft pulsiert wie in der Natur. Heute weiss ich, dass die Liebe nicht nur dort ist, wo ich sie gesucht habe. Sie hat sich nicht absichtlich versteckt, aber um sie zu verstehen, benötigte ich andere Wahrnehmungsinstrumente. Oder um es weniger technisch auszudrücken, die Liebe zeigt sich mir in den kleinen, alltäglichen Dingen. Selbst dort zeigt sie sich oft nur, wenn ich kurz innehalte. Wenn sie wie ein Vogel an mir vorbeiflattert oder wenn sie wie ein Herbstblatt, sich im Wind drehend und tanzend, zu Boden fällt. In diesen Momenten drücke ich gleichsam die Pause-Taste und verstehe, was ich schon immer wusste. Im Zentrum der Liebe ist es ruhig und sonnig. Ich lebe dort ohne grosse Ansprüche und Bedürfnisse, weil mein Hunger bereits gestillt ist. Ich benötige nicht mal Worte. Wenn ich dennoch sprechen wollte, würden mir die Worte leicht über die Lippen gehen. Die Sprache der Liebe ist die Sprache der Magie, ist die Sprache der Poesie, ist die Sprache der Natur.
[1] Wie sonst lässt sich erklären, dass der Ständerat 2023 den Gegenvorschlag des Bundesrats für die Biodiversitätsinitiative sang- und klanglos versenkt hat.
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