Meinem Nachnamen hört man nicht an, dass meine Mutter aus Italien stammt. Ack-lin klingt angenehm nach Acker. Dass meine aus dem aargauischen Fricktal stammenden Ahnen väterlicherseits Bauern und Bäuerinnen waren, liegt damit auf der Hand. Meine Mutter hingegen war zunächst die Tochter eines „fruttaiolo“. Mein Grossvater fuhr in der Provinz Treviso von Hof zu Hof und verkaufte Obst. Erst in seinen mittleren Jahren macht er einen Traum wahr und erwarb er einen für eine 7-köpfige Familie eher kleinen eigenen Bauernhof. Er wollte als Sozialist fortan keinem Kapitalisten mehr verpflichtet sein. Ein Pächter werden wollte er schon gar nicht.
In meiner Kinder- und Jugendzeit hatte ich mit meinem Schweizer Nachnamen den Vor- und den Nachteil, dass weder LehrerInnen noch meine KlassenkameradInnen mich als halbe „Seconda“ erkannten. Ein rassistischer Lehrer – ja, die gab es damals noch -, behandelte jene „Gschpönli“ schlecht, die einen italienischen Nachnamen trugen. Als später die Secondos mit ihrem Gemisch aus Schweizerdeutsch und Italienisch cooler wurden als noch in meiner Primarschulzeit, gehörte ich leider nicht zu dieser Gruppe. Ehrlich gesagt, mein Italienisch war wohl schon damals so eingerostet, dass ich die Seconda-Identität zumindest sprachlich nicht glaubhaft hätte rüberbringen können.
Wenn ich eine andere Dimensionen meiner Jugendzeit betrachte, dann bin ich jedoch mit Fug und Recht eine „Seconda“ und zwar zweite Generation Gärtnerin, erblich bedingt auch ein wenig Bäuerin. Beide meine Elternteile wurden unterschiedlich stark durch die Arbeit auf den Höfen meiner Grosseltern geprägt. Meine Mutter hat als Kind auf dem Bauernhof mitgearbeitet und dabei von ihrer Mamma viel gelernt, ging jedoch schon früh als Dienstmagd in die Schweiz. Mein Vater hingegen war der Sohn eines gescheiterten Bauern, der in den 30-er Jahren Haus und Hof verloren hatte, zunächst in der Ziegelei von Frick arbeitete und danach in die Nähe von Basel und der Chemie übersiedelte. Auch mein Vater emigrierte also, wenn auch in einem geographisch sehr überschaubaren Rahmen. Aber ein Wechsel der sozialen Klasse war das für beide am Ende schon.
Sie waren zwar keine Landwirte mehr, dennoch vermittelten sie uns Kindern eine gewisse Dosis Bauerntradition. Meine Eltern waren leidenschaftliche Gärtner und Gärtnerin und dies in erster Generation. Sie entschieden bald nach der Hochzeit, einen Teil ihres Glücks in einem Schrebergarten zu suchen, auf dem Bruderholz bei Basel. Vor allem meine Mutter wusste, wie sie Gemüse, Obst und Blumen anbauen und pflegen musste. Mein Vater sorgte eher für ein Unkraut-freies Paradies und baute das Gartenhaus. Übrigens: Schrebergarten sagt man heute nicht mehr, denn der Herr Schreber war ein moralischer Streber und empfahl Anfang des 19. Jahrhunderts die Gartenarbeit vor allem zur „gesunden Triebabfuhr“. Für meine Eltern hingegen standen neben emotionalen Gründen vor allem die Selbstversorgung mit Gemüse im Vordergrund.
Familien- oder Freizeitgarten ist heute in der Tat der bessere Begriff. Eigentlich damals schon. Dieses Stückchen Land war in unserer Kindheit tatsächlich eine Familienangelegenheit. Als Jugendliche taten wir jedoch unser Bestes, um in Bezug auf den Garten möglichst nicht weiter aufzufallen bzw. uns vor der Arbeit so gut wie zu drücken… Doch das sollte sich bei mir viele Jahre später wieder ändern.
Bis vor kurzem bewirtschafteten mein Partner und ich einen privaten Stadtgarten. Wir pflanzten nur zum Spass Essbares an, hatten eher Büsche, Bäume und Hecken, die immerhin eine Lebensgrundlage für Würmer, Ameisen, Wild- und Honigbienen, Vögel und sogar Eichhörnchen abgaben. Meine Gartenarbeit war im Verhältnis zu derjenigen meiner Grosseltern oder Eltern sehr bescheiden. Ich weiss nicht, ob das psychologisch hundertprozentig stimmt, aber ich sublimierte wohl eher die Essenz der Gärtnerei in einigen Rosenbüschen und Topfpflanzen.
Dennoch würde ich mich als „seconda generazione “ Gärtnerin bezeichnen, wenn auch eingerostet. Aber ich und meine Peers leben heute unter anderen sozio-ökonomischen und verschärften ökologischen Bedingungen. Bei uns war weniger Selbstversorgung angesagt als noch bei meinen Eltern – auch wenn das Verspeisen der wenigen Erdbeeren aus unserem Garten richtig zelebriert wurde. Dafür war die Reflexion und Offenheit für grosse und kleine Fragen in Bezug auf die Gartenarbeit wichtig wie noch nie: Dürfen wir einen Laubbläser verwenden? Sollten wir den Rasen nicht in eine Magerwiese umwandeln und welche Pflanzen in unserem Garten sind invasive Neophyten? Trotzdem schliesst sich der Kreis von erster und zweiter Generation wieder, denn meine Eltern übernahmen einst wie wir die Verantwortung für ein Stückchen Land und bewirtschafteten es nach bestem Wissen und Gewissen und dem aktuellen Wissensstand.
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