Grünkraft zum Zweiten – noch mehr Kräuterleute

Unlängst habe ich für meinen Podcast die Phytotherapeutin und Kursleiterin Sarah Zehnder interviewt. Sie betreibt ihre eigene Firma „Grünkraft“ und bringt Menschen in unterschiedlichen Settings Wildkräuter nahe. Nun erscheint ein Buch von Daniela Schwegler und Gerry Amstutz mit demselben Namen: „Grünkraft. Kräuterleute im Porträt“ – hier also Grünkraft zum Zweiten. Schwegler hat sich ebenfalls Frauen und Männern genähert, die sich mit den Wildkräutern, ihren Eigenschaften und Möglichkeiten in der Küche oder für den Medizinalschrank auskennen. Insgesamt sind es 13 Kräuterleute geworden, die sie getroffen, bei ihren Aktivitäten begleitet und mit denen sie gesprochen hat. Sie sind überall in der Schweiz verteilt und haben ihre Lieblingspflanzen und -rezepte preisgegeben. Interessant ist, dass sich die Geschichten dieser Kräuterleute, inklusive jener von Sarah Zehnder, in gewisser Weise ähneln.

Grünkraft zum Zweiten

Die Kräuterleute sind über das eigene Erleben, die Erfahrung, durch Ausprobieren, Experimentieren und Meditieren in die Pflanzenwelt eingetaucht – also weniger über ein streng naturwissenschaftliches Studium der Botanik. Sie haben sich von der Pflanzenwelt verzaubern lassen und sind tiefer und tiefer in die Nuancen der Pflanzenmedizin oder der Kräuterküche eingedrungen. Einige sprechen darüber, dass sie die Essenz oder das Wesen dieser Pflanzen spüren können. Es erstaunt denn auch nicht, dass diese Leute etwas Pionierhaftes an sich haben. Denn in einer Welt, in der der alte, oft von Frauen gehütete Schatz der Kräuterheilkunde im Fast Food unserer überaktiven Gesellschaft untergegangen ist, holen sie ihn zurück in die Gegenwart. Mit einem langsamen, aufmerksamen Blick und Lernen verknüpfen sie das alte Wissen mit den Bedürfnissen der Menschen im Hier und Jetzt.

Ich weiß, das klingt nun etwas romantisch, aber diese Kräuterleute haben wohl alle Gene von Kräuterhexen oder Druiden geerbt. Die Autorin Daniela Schwegler weiß diese Andersartigkeit geschickt in Szene zu setzen, indem sie ihnen in entlegene Täler, verzauberte Landschaften mit Kraftorten oder auf Alpweiden folgt. Ein klein wenig wird mir dabei etwas schummrig; auf Englisch würde man sagen, alles ist mit „pixie dust“, Feenzauber, überzogen. Und doch können wohl viele Schweizer und Schweizerinnen nachfühlen, wie zauberhaft eine Alpweid, ein lichtdurchfluteter Wald oder das Gurgeln einer unsichtbaren Quelle sind, wenn wir ihnen beim Wandern begegnen. Von da ist es ein kleiner Schritt anzunehmen, dass die Pflanzen, die hier wachsen, auch über Superkräfte verfügen.

Einige Beispiele von Kräuterleuten

Ich möchte hier nur wenige der spannenden Kräuterleute erwähnen, denen Daniela Schwegler gefolgt ist und die der Reportage-Fotograf Gerry Amstutz in erdigen Bildern dargestellt hat.

Für Gourmet-Küche und Wochenbett

Die 35-jährige Köchin, Breathwork-Facilitatorin und Informatikerin Sarah Sarita Glaser ist wohl, was man vor einigen Jahren eine Aussteigerin genannt hätte. Informatik gehört zu den Branchen mit hohem Stress und viel ungesunder Bildschirmarbeit. Sie hingegen hat den Weg einer Wildpflanzenspezialistin und -köchin gewählt, die die Kräuter – unter anderem ausgelöst durch eine Stoffwechselerkrankung – erfolgreich am eigenen Leib ausprobiert hat. Mit ihren Kochkünsten ist ihr der Durchbruch bei verwöhnten Gästen eines extravaganten Hotels wie der in den Urner Bergen gelegenen Berglodge37 gelungen, aber auch bei den Besuchern des Kulturzentrums Südpol in Luzern oder bei Kund:innen des Take-away Pinakarri. Mit ihrer Firma Funky Kitchen, was alles andere als heidi-romantisch klingt, beliefert sie mittlerweile auch Mütter im Wochenbett.

Schon von Kräuterbier gehört…

Es scheint fast so, als seien die Wege und Karrieren der Kräuterleute so eigenwillig und eigenständig wie jedes einzelne Wildkräutlein selbst. Ähnliches lässt sich sicher auch über Giovina Nicolai, 38, sagen, eine Drogistin, Bierbrauerin, Alchemistin und Illustratorin. Auch sie betreibt eine eigene Firma: das Pflanzenlabor. Sie hat sich unter anderem auf Kräuterbiere spezialisiert, bei denen außer Hopfen und Malz auch der Hibiskus, Erika oder der Gundelreben-Bock eine Rolle spielen. Im Pflanzenlabor verkauft sie ein Abo für Pflanzenpäckli, ein Angebot, bei dem man zunächst nicht weiß, welche Pflanze drin versteckt ist und die man Schritt für Schritt zu Hause kennenlernen kann. Auch sie teilt eine Eigenschaft mit den vielen anderen Kräuterleuten: Zuerst hat Giovina Nicolai Wissen aufgebaut, in ihrem Fall auch basierend auf einem Studium als Drogistin. Aber danach folgt eine Phase, in der das Wissen geteilt werden will. Sie lädt dazu ein, sich „wieder in die Welt zu verlieben“, einen ihrer Braukurse zu besuchen oder indem man die Schätze der Natur wahrnimmt, schätzt und achtet.

… oder von Samenbomben?

Rebellisch geht es bei Maurice Maggi zu und her, dem Blumengrafitikünstler, floralen Anarchisten, Koch und Kochbuchautor und Gärtner. Ihn kennt man in Zürich gut und viele werden sich noch an den Artikel über ihn im Tages-Anzeiger Magazin erinnern. Er wirft seine Samenbomben in der Nacht an jene Orte, die etwas mehr Natur gebrauchen könnten, wie: Straßenecken, öde Industriebrachen. Die Samen von Wegwarten, Malven oder von Gemüse wie Pak Choi machen aus der verkehrsüberlasteten, lauten Stadt eine, in der es auch Orte gibt, wo man verweilen, eine Beere essen oder wilden Rucola ernten könnte. Maggis Buch heißt denn auch „Essbare Stadt. Wildwuchs auf dem Teller“. Um hier nochmals auf Sarah Zehnder, die ich oben erwähnt habe, zurückzukommen: Sie und Maggi kennen sich gut und teilen eine Idee, die mit diesen Kräuterleuten und Pionieren Schule macht: Wildpflanzen und -kräuter, in der Stadt gesammelt, tragen zur Selbstversorgung jenseits der großen Supermärkte bei.

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.