Unlängst fanden in Paris die Olympischen Sommerspiele statt. Im Hinblick darauf hatte die Stadt ein grosses Projekt zur Sanierung der Seine formuliert, um zumindest einen Teil des Flusses für die Olympioniken schwimmbar zu machen. Wie bei uns waren auch in Paris kurz vor und zu Beginn der Olympiade die Regengüsse häufig und intensiv. Ein neues Auffangbecken war zwar in Betrieb genommen worden, aber die Wasserqualität schwankte nach wie vor von Tag zu Tag. Daran konnte auch der wagemutige Auftritt der Bürgermeisterin Anne Hildago, die im Neopren und mit Schwimmbrille ins Wasser stieg, nichts ändern. Doch es wurde während der Olympiade im der Seine geschwommen, selbst wenn es einigen Sportler:innen Angst gemacht hat, in den Fluss zu steigen. Dies ist der zweite Teil von Flüsse und ihre Städte: Die Seine (Paris).
Die Olympiade gibt den Anstoss zur Flusssanierung und damit für mehr Lebensqualität in Paris
Für die Olympiaden haben in der Vergangenheit bereits andere Städte Projekte in Angriff genommen, die sie sich sonst nicht zugetraut hätten. Dies galt für vergangene Veranstaltungsorte wie Barcelona, Rom oder London. Nicht immer waren gross angelegte Stadtsanierungen allerdings langfristig erfolgreich, doch in Paris konnte die öffentliche Aufmerksamkeit für die Abwasserprobleme der Seine ein klein wenig helfen. Man kann in Paris wohl (noch) nicht von einem vollen Erfolg sprechen, aber doch von einem bedeutenden Meilenstein, da die Seine viele Jahrzehnte aufgrund von Verschmutzung und unsicherer Wasserqualität für Schwimmer:innen gesperrt gewesen war.
Das Projekt zur Reinigung der Seine umfasste eine ganze Reihe von Maßnahmen wie die Verbesserung der Abwasserbehandlung, die Reduzierung von Verschmutzungsquellen, die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume entlang des Flusses und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Schutz der Wasserqualität. Problematisch sind in Paris nicht nur der Abfluss von Regen- und die Abwasser der Stadt, sondern auch die Bootshafen mit den individuellen Bootstoiletten und gar die Zuflüsse von kleineren Flüssen aus Gebieten, wo das Schmutzwasser der Haushalte nicht mal in eine Kanalisation mit Kläranlagen geleitet wird sondern direkt ins Wasser. Das Seine Projekt erforderte erhebliche Investitionen, die nicht zuletzt im Hinblick auf mehr Lebensqualität in Kauf genommen wurden.
Die Seine ist ein Paradebeispiel dafür, wie grosse Flüsse grosse Städte hervorgebracht haben
Die Seine ist ein Paradebeispiel dafür, dass die Städte erst durch ihre Flüsse wirklich gross wurden. Hier einige Grundinformationen zu diesem Fluss mit seiner grossen Vergangenheit. Die Seine ist einer der bedeutendsten Flüsse in Frankreich. Sie entspringt in Burgund, im Nordosten Frankreichs, und fließt durch Paris, bevor sie in den Ärmelkanal mündet. Sie ist etwa 777 Kilometer lang und bekannt für ihre malerischen Ufer und historischen Brücken. Sie hat eine wichtige Rolle in der Geschichte und Kultur der Stadt Paris gespielt, da sie wie in anderen Städten auch als Transportweg für Waren und Menschen diente. Viele berühmte Sehenswürdigkeiten, wie der Eiffelturm, der Louvre und die Kathedrale Notre-Dame, liegen entlang ihrer Ufer.
Paris und die Seine: eine lange Geschichte…
Die Wasserwege haben generell in Frankreich einen hohen Stellenwert, was ich unten ausführlicher darstellen möchte. Hier aber zunächst ihre Bedeutung für die Hauptstadt der grande nation, denn sie hat eine zentrale Rolle in der Geschichte von Paris gespielt. Die Stadt wurde ursprünglich von den Kelten auf einer Insel in der Seine gegründet, die heute als Île de la Cité bekannt ist. Diese Insel bot einen natürlichen Schutz und war ein idealer Ort für den Handel, da sie sowohl Zugang zum Fluss als auch zum Land bot. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Seine zu einer wichtigen Handelsroute. Sie ermöglichte den Transport von Waren und Menschen sowohl innerhalb von Paris als auch zwischen Paris und anderen Städten und Regionen. Dies trug stark zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Wachstum der Stadt bei.
Während der französischen Revolution hatte die Seine eine düstere Last zu tragen, da viele Menschen, die als Feinde der Revolution betrachtet wurden, in den Fluss geworfen wurden. Im 19. Jahrhundert wurde der Fluss umfassend reguliert und seine Ufer wurden mit breiten Boulevards und prächtigen Gebäuden bebaut, wie sie noch heute Bild von Paris prägen.
… bis in die zwei Weltkriege
Auch in der modernen Geschichte hat die Seine eine wichtige Rolle gespielt. Während der beiden Weltkriege wurde sie als Verteidigungslinie genutzt, und ihre Brücken waren oft Schauplätze wichtiger Schlachten und strategischer Manöver. Heute ist die Seine, wie wir alle schon erlebt haben, ein Symbol für die Schönheit und den Charme von Paris. Sie zieht Touristen aus aller Welt an, die ihren Ufern entlang schlendern, auf ihren Brücken verweilen oder eine Bootsfahrt auf dem Fluss geniessen.
Für den amerikanischen Autor Tim Marshall [1] hatte Frankreich historisch die besten Voraussetzungen, um eine europäische Macht zu werden. Die Geographie des Landes mit seinen grossen Flächen für die Landwirtschaft und mit seinen Flüssen haben den Aufstieg zur Macht und zu Wohlstand befeuert. Louis XIV und Napoleon Bonaparte wussten die geographischen Vorteile nicht nur auszunutzen, sondern diese auszubauen. So spielte und spielt die Seine heute noch eine wichtige Rolle in einem französischen Netz der Wasserwege. Sie ist mit mehreren Kanälen verbunden, die es ermöglichen, Waren und Menschen durch das ganze Land zu transportieren.
Flüsse und ihre Städte: Die Seine und ihre Kanäle in Paris
In Paris ist einer der wichtigsten Kanäle der Canal Saint-Martin, der im 19. Jahrhundert gebaut wurde, um Trinkwasser in die Stadt zu bringen und den Warentransport zu erleichtern. Ein weiterer wichtiger Kanal ist der Canal de l’Ourcq, der ebenfalls in Paris beginnt und ursprünglich zur Versorgung der Stadt mit Trinkwasser und zur Unterstützung des Warentransports diente. Darüber hinaus verbindet der Canal du Loing die Seine mit dem Canal du Briare und dem Canal latéral à la Loire, wodurch eine Wasserstrasse vom Ärmelkanal bis zur Loire geschaffen wird. Der Canal de Bourgogne wiederum verbindet die Seine über die Yonne mit dem Rhein, was eine wichtige Ost-West-Verbindung darstellt. Die zahlreichen Kanäle haben dazu beigetragen, dass die Seine zu einer wichtigen Achse im französischen Wasserstrassennetz geworden ist und sowohl für den Gütertransport als auch für den Tourismus eine wichtige Rolle spielt.
Wie bereits erwähnt, hatte Napoleon Bonaparte einen erheblichen Einfluss auf die Infrastruktur von Paris, einschließlich der Seine und ihrer Kanäle. Er erkannte die strategische und wirtschaftliche Bedeutung der Wasserwege und initiierte mehrere grosse Bauprojekte. Eines der bemerkenswertesten Projekte war der Bau des Canal Saint-Martin (siehe oben). Napoleon ordnete den Bau dieses Kanals im Jahr 1802 an, um frisches Wasser in die Stadt zu bringen und die sanitären Bedingungen zu verbessern. Der Kanal diente auch als Transportweg für Waren, was die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt weiter vorantrieb. Napoleon war ebenfalls für den Bau des Canal de l’Ourcq verantwortlich, der dazu diente, Wasser aus der Ourcq in die Seine zu leiten. Dies verbesserte nicht nur die Wasserqualität in der Seine, sondern ermöglichte auch die Nutzung der Wasserkraft für Mühlen und andere Industrien entlang des Flusses.
Napoleon Bonapartes doppelter Nutzen: für die Bevölkerung und das Militär
Darüber hinaus beauftragte Napoleon umfangreiche Arbeiten zur Regulierung der Seine, um Überschwemmungen zu verhindern und die Navigation auf dem Fluss zu verbessern. Diese Arbeiten umfassten den Bau von Kais, Dämmen und Schleusen sowie die Begradigung und Vertiefung des Flussbettes. Insgesamt trugen Napoleons Bemühungen dazu bei, die Seine und ihre Kanäle zu wichtigen Verkehrs- und Handelswegen zu machen und die Lebensbedingungen in Paris zu verbessern. Seine Vision und seine Bauprojekte haben das Gesicht der Stadt nachhaltig geprägt.
Natürlich waren diese Projekte auch von militärischer Bedeutung. Napoleon verstand, dass die Wasserwege sowohl eine strategische Bedeutung für den Handel als auch für militärische Bewegungen hatten. Diese Wasserstrassen ermöglichten es, Truppen und militärische Ausrüstung schnell und effizient über das Land zu bewegen. Sie boten auch eine Möglichkeit, feindliche Bewegungen zu kontrollieren und zu stören. Darüber hinaus konnten durch die Wasserstrassen Versorgungslinien aufrechterhalten werden, was in Kriegszeiten von entscheidender Bedeutung war. Ein gutes Beispiel dafür ist auch der Canal de l’Ourcq, der unter Napoleon zur Versorgung von Paris mit Wasser und zur Verbesserung des Transportsystems in der Region gebaut wurde. Dieser Kanal spielte auch eine Rolle in den Verteidigungsstrategien während der Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871.[2]
Wasserstrassen sind so wichtig wie eh und je: das Projekt „Seine-Nord Europe“
Doch der Bau von Kanälen ist nicht der Geschichte vorbehalten. Heute ist ein neuer Kanal in Arbeit, das Projekt heisst „Seine – Nord Europe“, ein großes Infrastrukturvorhaben mit Ausgangspunkt im Pariser Becken bzw. dem Grossraum Paris (Île de France), das darauf abzielt, einen Hochleistungskanal zu bauen, der die Seine in der Region Île-de-France mit den Wasserstrassen im Norden und Osten Europas verbindet.
Hier einige wichtige Punkte zu diesem Projekt:
- Ziel: Das Hauptziel des Projekts ist es, den Güterverkehr von der Straße auf die Wasserstraße zu verlagern, um Staus zu reduzieren, die Umweltbelastung zu verringern und die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft zu steigern.
- Route: Der Kanal wird voraussichtlich etwa 107 Kilometer lang sein und von Compiègne nördlich von Paris bis zum Canal Dunkerque-Escaut nahe der belgischen Grenze verlaufen.
- Kapazität: Der neue Kanal wird für Schiffe mit einer Kapazität von bis zu 4.400 Tonnen ausgelegt sein, was etwa viermal so viel ist wie die Kapazität der bestehenden Wasserstraßen in der Region.
- Kosten und Finanzierung: Die Kosten für das Projekt werden auf etwa 4.5 Milliarden Euro geschätzt. Es wird von einer Kombination aus öffentlichen und privaten Quellen finanziert, darunter die Europäische Union, der französische Staat und lokale und regionale Behörden.
- Zeitplan: Die Bauarbeiten begannen im Jahr 2020 und es wird erwartet, dass der Kanal bis 2028 fertiggestellt sein wird.
Dieses Projekt wird voraussichtlich erhebliche wirtschaftliche Vorteile bringen, darunter die Schaffung von Arbeitsplätzen während der Bau- und Betriebsphase und die Steigerung des Handels und der Wirtschaftsaktivität in der Region. Es werden jedoch auch Bedenken hinsichtlich der Umweltauswirkungen und der Auswirkungen auf die lokalen Gemeinschaften befürchtet.
Teil 1 der mehrteiligen Serie: „Flüsse und ihre Städte“ zum Rhein ist hier zu finden.
[1] Tim Marshall (2015). Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Dtv, ebook
[2] Zuvor schon, noch im 17. Jahrhundert wurden Wasserwege wie der Canal Du Midi von Louis XIV in Auftrag gegeben. Der Canal du Midi ist ein bemerkenswertes Bauwerk, das lange vor der industriellen Revolution entstand. Er wurde im 17. Jahrhundert auf Anordnung von König Louis XIV erbaut, um eine Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer zu schaffen. Der Bau begann im Jahr 1667 und wurde 1681 abgeschlossen. Der Kanal ist etwa 240 Kilometer lang und verläuft von der Stadt Toulouse bis zum Hafen von Sète am Mittelmeer. Er war ein wichtiger Verkehrsweg für den Handel in der Region und ist heute ein beliebtes Ziel für den Tourismus. Der Canal du Midi ist auch als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Die Motivationen von Napoleon Bonaparte und Louis XIV für den Bau von Wasserstraßen waren unterschiedlich, obwohl beide Projekte dazu dienten, den Handel und die Infrastruktur in Frankreich zu verbessern. Louis XIV beauftragte den Bau des Canal du Midi hauptsächlich, um eine direkte Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer zu schaffen. Dies sollte den Handel erleichtern und die Reisezeit für Schiffe verkürzen, die sonst den langen und gefährlichen Weg um die Iberische Halbinsel nehmen mussten. Der Kanal war auch ein Zeichen für den Reichtum und die Macht des Sonnenkönigs und ein Beweis für die technischen Fähigkeiten des damaligen Frankreichs.
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