Ich veröffentliche hier in 4 Teilen meinen neuen Essay über Drachen und das, was ich als Drachenbewusstsein bezeichnen würde, nämlich die Fähigkeit den Planeten aus seiner Substanz heraus und durch seine Naturgewalten erleben zu können. „Alle meine Drachen. Vom Glück und Unglück eine Drache zu sein“ ist ein Essay, in dem ich eine Reise zu Schweizer Drachenorten unternehme und dabei über Kultur- und Religionsgeschichtliches sowie über Umweltphilosophisches nachdenke. Dies ist Teil 2.
4.
Er (der rote Drache, siehe Teil 1) hat mich als Erstes in die Beatus-Höhlen am Thunersee geschickt, später zum Basiliskenbrunnen in Basel an der Gerbergasse, ins Klingental Museum zum Heiligen Georg und seinem Drachen, beide in rotem Sandstein verewigt. Ich war im Küsnachter Tobel am Zürichsee oder auf dem Pilatus, dem Hausberg von Luzern. Und am Ende habe ich gar an einem Super Event auf dem Messeplatz teilgenommen: an der Fantasy Basel, wo es von Ausserirdischen, Heldinnen oder Monstern nur so wimmelt. Ich habe auch viel gelesen, bspw. über den ältesten Plot der Welt, den ersten Schöpfungsmythos aus Laurasien oder Vergleichendes zur Drakologie in Ost und West. Besonders gerne habe ich in der Populärkultur rumgeschnüffelt, denn das Genre der Fantasy liebt die Drachen in all seinen Formen, die bösartigen wie die weisen, mit oder ohne Drachenreiterinnen[i].
Oft hat man sie für tot erklärt, und doch sind sie immer wieder auferstanden, ihre neue Gestalt im Spektrum von tödlichen Kampfmaschinen bis zu etwas grösseren gefrässigen Haustieren[ii]. Darum frage ich mich auch, ob es reicht, wenn sie die zauberhafte Welt der Pop-Kultur bevölkern, um ihnen einen Platz in unserer Welt, der realen zurückzugeben. Doch blenden wir zunächst zurück in eine Zeit, wo die Drachen noch bezwungen werden mussten. Der rote Drache macht es sich unterdessen auf meiner Schulter gemütlich. Die allgemeine Richtung meiner Reise, meint er, passt schon.
5.
So geht die Legende des Heiligen Beatus, dem Drachentöter vom Thunersee, der einst ein Ritter war, sich zum Christentum bekehrte und zum heiligen Helden wurde: „Ich liess mir den Weg zur Höhle zeigen, die der Drache bewohnte. Wie ich mich der Höhle näherte, erkannte ich, dass hier ein schreckliches Untier hausen musste. Die Gräser waren verbrannt, der Fels kahl und angeräuchert und die Bäume nahe der Höhle dürr und tot. Überall sah ich Spuren der Verwüstung; angekratzte Stämme, zertretene Sträucher. Aus der Höhle schwebte der stinkende Atem des Drachen.
Furchtlos stieg ich hinauf. Durch das letzte Gebüsch tretend, blickte ich direkt ins Schauerloch. Dort lag der Drache. Hörner und Zacken sassen auf dem Schädel und Rücken, giftiger Schleim rann von der geschwollenen Zunge über die fürchterlichen Krallen. Kaum erblickten mich die roten Augen, fing das Untier an, mit seinem Schuppenschwanz wild umherzuschlagen. Ich trat mutig auf die Kreatur zu und rief heilige Worte. Als sich der Drache auf mich stürzen wollte, hielt ich ihm das Kreuz entgegen.
Der Drache fuhr beim Anblick des Kreuzes hoch in die Luft und stürzte in den See. Das Wasser zischte und kochte. Der Drache fuhr noch einmal aus den Wellen hoch, bis zur Fluh hinauf. Dort schlug sein Schwanz mit grässlicher Kraft gegen den Stein, dass der Fels erbebte. Doch schliesslich fiel der Drache hinab und versank im tiefen See. Die Sundlauener stiegen darauf jubelnd zur Höhle hinauf und sanken vor mir in die Knie. (…)»
Ich breche hier ab. Diese Erzählung ähnelt vielen anderen Geschichten von Heiligen, die Drachen getötet haben. Darunter gibt es auch viele namenlose, mit nichts als einem Kreuz bewaffnete Mönche wie etwa jener, der im Freiburgischen einen Drachen vertrieb. Was dazu führte, dass sich der heutige Schwarzsee an jener Stelle aufstaute, wo der Drache besiegt wurde und verschwand. Der Berühmteste unter den Drachentötern ist jedoch der Heilige Georg, über den es später zu berichten gilt.
Einige Jahrhunderte später mache ich mich mit dem Schiff auf den Weg zu den Beatus-Höhlen am Thunersee, steige den steilen Hang hinauf, über dem eine gewaltige Fluh prangt, und nähere mich dem Eingang der Höhlen. Wenn ich ein Drache wäre, ich würde mich hier wohl gefühlt haben. Damals waren die Besucher und Besucherinnen an diesem steilen Hang vermutlich nicht so zahlreich. Doch gestört hätten sie trotzdem und vielleicht hätte ich den Eindringlingen etwas Feuer entgegengespeit. Mein roter Drache nickt heftig, bei diesem Gedanken. Er ist entzückt, dass ich bereits wie ein Drache zu denken beginne. Heute ist die Bewaldung unterbrochen durch Schneisen, wohl weniger durch Drachenfeuer verursacht als durch Unwetter in den Hang gerissen.
Am Eingang der Höhlen stehen neben Palmen Restaurationsbetriebe unter dem massig prangenden Felsen. Aus der Wand schiessen zwei Wasserfälle, wie als Zeugnis davon, dass der Berg ein Innenleben hat. Durch ein Drehkreuz trete ich in den Tunnel ein, später auf einen Pfad, der über 900 Meter in die Tiefe des Berges führt und für den ich 87 Höhenmeter hinter mich bringen werde. Vorbei geht es an Bächen, die kräftig sprudeln, gurgeln und über Felsen schiessen und vorbei an Spuren, die das Wasser über Jahrtausende im Berg hinterlassen hat: Gletschermühlen, Stalaktiten und Stalagmiten, Becken, in denen sich das Wasser staut. Die Tropfsteine bilden kleine Ansammlungen, die aussehen wie unterirdische Siedlungen, die verlassen wurden. An anderen Orten stehen die Tropfsteine aufgestellt wie kleine Türme, die sich in Tümpeln spiegeln, die den Miniaturdörfern zu Füssen liegen.
Ich fühle mich in Höhlen nicht besonders wohl. Es wird mir schnell zu eng. Doch dieses Mal zwinge ich mich dazu − meinem Drachen zuliebe − voranzugehen, nicht nachzudenken, sondern einfach zu entdecken, was mir der Berg an Gestein, ein wenig grünem Bewuchs, Wasserfällen, Schluchten und Nischen anbietet. Als Stadtmensch bin ich nicht auf die Naturgewalt von Wasser und Stein vorbereitet. Ich bin zu schwach, um diesen Berg längere Zeit auszuhalten. Ich bin in gewisser Weise zivilisationsgeschädigt, verweichlicht durch meinen Lebensstil: durch zumeist trockene, windgeschützte, angenehm temperierte Wohnungen. Meinen Ur-ur-ur-undsoweiter-Ahnen hingegen mögen die Höhlen Schutz geboten haben. Nennen wir sie deshalb − für einmal nicht abschätzig gemeint − Höhlenmenschen.
Immerhin kann ich nachvollziehen, dass meine Vorfahren diese gewaltige Sache Berg und seine ursprüngliche Kraft für Gott hielten, dass es also nur logisch war, dass auch gottähnliche Drachen dort wohnten. Der Berg war der Drache und der Drache der Berg. Die Vorfahren meines roten Drachens hatten sich die Kraft des Berges, jene des Gesteins, des Wassers, sogar des Magmas zu eigen gemacht und mal hier eine Gerölllawine losgetreten, mal dort Wasser mit Gewalt ins Tal donnern lassen.
Schwerer vorstellbar ist für mich, dass das erhobene Kreuz des Heiligen Beatus den Drachen so aufgeschreckt haben soll, dass Letzterer in den Thunersee gefallen, kurz nochmals aufgetaucht und danach für ewig in seinen Wassern untergegangen sein soll. Im Christentum nehmen fast alle Drachen ein böses Ende. Glücklich wären sie gewesen, wenn man sie in ihren Höhlen in Ruhe hätte lassen können. Ein Naturschutz-Programm wie heute für die fast ausgestorbenen Gelbbauchunken in dunklen Peitschenmooswäldern wäre vielleicht hilfreich gewesen.
6.
Wenn Drachen in Mythen, Legenden, Sagen oder Märchen auftauchen, dann geschieht stets Ausserordentliches, Katastrophisches, Epidemisches, Kämpferisches und Kriegerisches. Warum ist das so? Die einfache Antwort: Weil die Geburt eines Planeten eine grosse Sache ist.
Der Indologe E. J. Michael Witzels hat ein grosses Projekt verfolgt und das Werk The origin of the world’s mythologies geschrieben, in dem er durch vergleichende Mythologie zum Schluss kommt, dass es eine sogenannte Laurasische Storyline der Schöpfungsmythen gibt, daraus spinnt sich eine First Novel. Laurasien war ein Teil von Pangäa, zu jener Zeit, als sich die Kontinentalplatten langsam voneinander wegbewegten. Laurasien umfasst Teile Eurasiens, Nordafrikas und -amerikas inkl. Kanada und Polynesiens. Die Schöpfungsmythen der Ureinwohner Laurasiens ähneln sich in ihrem Plot oder eben ihrer Storyline.
Witzel reist in eine Zeit der Menschheitsgeschichte zurück, die noch keine Schrift kannte. Er nennt gar die African Eve, die vor rund 130’000 Jahren in Afrika gelebt hat und die mittels ihrer mitochondrialen DNA als genetischen Ursprung, als gemeinsame Vorfahrin für viele Völker identifiziert worden ist. Als die ersten Schöpfungsmythen schliesslich in Mesopotamien in Keilschrift festgehalten wurden, bezogen sich diese auf eine rund 65’000 Jahre zurückreichende orale Tradition von Völkern, die auf der laurasischen Platte in verschiedene Richtung migriert waren. Deshalb auch die Variationen in der gemeinsamen Storyline.
Anders als andere Autoren glaubt Witzel jedoch nicht an einen einzelnen Ursprung eines Mythos, der in verschiedene Richtungen diffundiert ist, sondern an ein vielschichtiges Netz innerhalb eines grossen geografischen Raums. Und Witzel beschreibt nicht einen einzelnen, sondern ein zusammenhängendes System von Mythen von der Schöpfung der Welt bis zu ihrer Zerstörung. Er grenzt ausserdem die Laurasische Storyline, eher im Norden, von derjenigen von Godwana (Australien, Südafrika, usw.), eher im Süden ab.
Witzels Gesamtschau ist waghalsig, doch die Mythen verfolgen die grossen Fragen der Menschheit; „(…) myths deal with questions of the origin, the nature, and the ultimate destiny of the world and its human beings.“. Mir persönlich leuchtet ein, dass die Antworten der ersten Menschen auf diese Fragen notgedrungenermassen anders ausfallen mussten als unsere, und dass sie eine völlig andere Form von Zeugnis darstellen als etwa versteinerte Ammoniten. Doch Witzel macht für seinen Ansatz der vergleichenden Mythologie einen gigantischen Effort und ist deswegen in vielen Details angreifbar. Er wird von einigen Akademikern in seinem Ansatz als oberflächlich und fehlerhaft kritisiert.
Hier eine grobe Zusammenfassung des ältesten Plots der Welt: Die Erde wird aus Chaos und Dunkelheit geboren. Es entstehen zuerst Wasser, auf ihm schwimmende Inseln und auf ihnen später erste Wesen. Je nach Tradition sind dies Vögel, Riesen, Stiere, Eier. Die Welt wird in oben und unten, in Himmel und Erde unterteilt. Die verschiedenen Ebenen der Welt können mittels Stangen, Weltenbäumen oder -bergen erreicht werden. Ein Demiurg[1] oder ein Trickster schaffen Land und Licht. Die auf der Erde lebenden Drachen werden getötet, um den Boden mit ihrem Blut urbar zu machen. Erst jetzt folgt die Schöpfung von Titanen oder olympischer Götter und nochmals später von Menschen. Verschiedene Figuren stehlen den Göttern Feuer oder einen himmlischen Trank. Dies alles geschieht in vier Zeitaltern. Am Ende jeder Periode folgt jedoch die Zerstörung der Welt wie durch die berühmte Sintflut. Dem Ursprung der Welt liegt also schon ihr Ende inne.
Eine gute Ergänzung zu Witzels Monsterwerk liefert der Historiker, Journalist und Drakologe Martin Schwerdt. Er bettet die Geschichte der Drachen und ihrer Mythen in die jeweilige kulturelle, gesellschaftliche, ökonomische und religiös-spirituelle Entwicklung der Völker ein, die Drachenmythologie hervorgebracht haben. Damit stellt er den Stellenwert der Drachenlegenden in diesen Gesellschaften dar. Im Unterschied zu Witzel wird diese Drachen-Kulturgeschichte plastisch. In einer Chronologie zeigt Schwerdt auf, dass Drachen im Lauf der Jahrtausende unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen erfüllten, je nach Epoche und Kontext.
Zum Beispiel Mesopotamien. Das Epos von Urmutter Tiâmat und Marduk, Sohn der Ea, im sumerisch-babylonischen Schöpfungsmythos Enûma Elîsch ist eines der ältesten überhaupt und wurde − wie schon oben erwähnt − in Keilschrift rund 3000 Jahre v.Chr. festgehalten. Die Geschichte geht in etwa so: Urmutter Tiâmat hat im Kampf der Götter um die Vorherrschaft viele Ungeheuer, darunter auch Drachen, geschaffen. Marduk will eine neue Weltordnung errichten und muss dafür nicht nur diese Monster töten, sondern auch die Urmutter selbst. Nach gewonnener Schlacht gegen die Monster und Drachen schafft Marduk Mond, Sonne und Sterne und platziert diese am Himmel. Aus den Knochen der geschlagenen Chaoskreaturen schafft er die Menschen, auf dass diese den Göttern fortan Opfer bringen und dienen mögen.
Erst der Tod der Drachen und Ungeheuer, die in diesem Mythos noch göttliche Wesen sind, geben den Weg frei für eine neue Ordnung. Der Boden der Erde wird wie bei Witzel durch das Blut der Drachen erst zur Grundlage für die Entwicklung einer menschlichen Landwirtschaft. Schwerdt beschreibt auch, was der Hintergrund für den Mutter- und Drachenmord und die neue Weltordnung ist. Zwischen Euphrat, Tigris und persischem Golf entstehen erste Siedlungen oder gar Städte, die mit dem Umleiten von Flüssen, mit Bewässerungsanlagen oder grossen Tempelanlagen in die alte Ordnung der Mutter (Natur) eingreifen.
Die neu entstehenden Zivilisationen emanzipieren sich von älteren spirituell-religiösen Systemen wie dem Totemismus, dem Animismus oder einem Ahnenkult, in denen sich die Menschen noch als Teil des Körpers von Mutter Erde verstehen. Diese älteren Glaubenssysteme existieren zeitlich parallel bei Völkern weiter, die in der Nähe von Babylonien leben. Schon damals gab es zivilisatorische Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten. Doch es scheint damals eine gemeinsame «Erinnerung» an die Drachen gegeben zu haben.
Im Unterschied zu späteren Deutungen sind die Drachen in den ursprünglichen Schöpfungsmythen geschlagen, aber sie sind ehrenhaft in transformierter Form in die Schöpfung eingegangen. Ihre Skelette bilden den Körper der Erde und damit gar jener der Menschen. Zuerst haben die Götter ihr Werk getan, danach legten die Menschen dieser Schöpfung gesellschaftliche Regelwerke und Hierarchien zugrunde[iii]. Menschliche Gesetze lösten die göttlichen ab. Doch einem Babylonier war vermutlich noch bewusst, dass er sein Leben dem Opfer der Drachen für die Fruchtbarkeit des Bodens zu verdanken hat, dass er auch wegen ihnen ein Leben in der Stadt geniessen konnte.
Heute würden die Besucherinnen und Besucher der Beatus-Höhlen nicht annehmen, dass der grosse Fels über ihnen das versteinerte Skelett eines Drachen in sich tragen könnte. Dies auch darum nicht, weil irgendwann das Mittelalter anbrach, das den Ausschluss der Drachen aus Rang und Ordnung und deren Brandmarkung als die Bösewichte besiegelte. Mein roter Drache legt an dieser Stelle des Essays sein Gesicht in Falten. Ist er nur nachdenklich oder ahnt er schon, wie die Erzählung vom Unglück der Drachen jetzt so richtig ihren Anfang nimmt?
[1] ein Weltenschöpfer
[i] Und natürlich hat auch J.K. Rowling sich unverhohlen an den Basilisken-Sagen bedient.
[ii] Cressida Cowell: How to train your dragon.
[iii] In meinem Essay «Auf Augenhöhe mit dem Tiber» hatte ich ebenfalls darauf hingewiesen, dass Vergils «Äneis» durch Legendenbildung zur Legitimation und Ehre des Kaiserreichs von August gereichen sollte.
Wer Teil 1 lesen möchte, der findet diesen hier.
Wer gleich den ganzen Text lesen möchte, kann das hier tun.
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