Ich veröffentliche hier in 4 Teilen meinen neuen Essay über Drachen und das, was ich als Drachenbewusstsein bezeichnen würde, nämlich die Fähigkeit den Planeten aus seine Substanz heraus und durch seine Naturgewalten erleben zu können. „Alle meine Drachen. Vom Glück und Unglück eine Drache zu sein“ ist ein Essay, in dem ich eine Reise zu Schweizer Drachenorten unternehme und dabe über Kultur- und Religionsgeschichtliches sowie über Umweltphilosophisches nachdenke. Dies ist Teil 1.
1.
Ich bin keine Langläuferin und auch keine Joggerin. Wenn ich schwimmen gehe, dann nur für rund fünfzehn Minuten, Länge hin, Länge zurück. Aus Gründen der Vernunft sitze ich mehrmals in der Woche an den Maschinen im Fitnesszentrum, bin dabei aber ziemlich gelangweilt. Kurz: Sport ist nicht mein Ding.
Das heisst aber nicht, dass mich körperliche Aktivitäten oder Erfahrungen nicht interessieren. Im Gegenteil, ich liebe es, spazieren zu gehen, dies zumeist mit der Hoffnung, dass ich durch Naturerlebnisse unverhofft verzaubert werden möge. Da gibt es etwa eine Trauerweide an der Aare, bei der ich stets Herzklopfen bekomme, wenn mich ihre langen, geschmeidigen, weit herunterreichenden Äste berühren. Wenn ich genauer hinhorche, dann spüre ich deutlich, dass mir diese Weide die Gefühle von Jungverliebten übermittelt, die sich tatsächlich gerne unter diesem Baum ans Ufer setzen. Von wegen Trauer. Der Körper ist ein fein gestimmtes Instrument, das sehr viel mehr kann, als man denkt.
Ich tanze auch gerne oder ich mache morgens Tai-Chi-Qigong, eine fliessende Abfolge von fünfzehn Bewegungsformen. Einige davon tragen Namen von Tieren wie „der Kondor spreizt seine Flügel“ oder der Pfau. Es gibt das Pferdefuss-ähnliche Aufsetzen und Schieben des Fusses oder das Kreisen der Hüfte wie ein Elefant. Bei Letzterem erinnere ich mich wieder, wie sich das samtige Wiegen der Hüften dieser Riesen anfühlt, wie ich es einst als Kind auf dem Rücken eines Elefanten im Zoo Basel erleben konnte.
Der Körper speichert Erfahrungen. Er ist wie ein Reservoir von wortlosen Erinnerungen, die ab und zu traumähnlich auftauchen und für Bruchteile von Sekunden an die Oberfläche drängen. Eine Schicht meines Bewusstseins weiss offenbar immer noch, wie sich das Gehen eines Elefanten anfühlt.
Es gibt im Tai-Chi-Qigong auch die Figur des Drachen. Und diese macht mich richtig glücklich. Ihr Ablauf ist aussergewöhnlich für das Tai-Chi-Qigong, denn man öffnet für einen Moment die gesamte vordere Körperhälfte. Die Arme weit gespreizt, ist die Brust für einige Sekunden einem möglichen Angreifer ausgeliefert. Doch dann ich hole mit einem meiner Arme aus, hole Schwung, forme meine Hand zu einer Kralle und führe diese Hand an meinem Ohr vorbei dem fiktiven Angreifer entgegen. Der Drache hat gut kalkuliert. Er weiss zum vornherein, dass er dank kurzzeitiger Verletzlichkeit mit einem Schlag den sicheren Sieg davontragen wird.
Es geht im Tai-Chi-Qigong übrigens nicht um Symbole. Es geht eher darum durch körperliche Erfahrung, selbst zum Tier zu werden. Ich verschmelze mit dem starken, selbstgewissen Drachen und kann mich gleichzeitig dabei beobachten, was ich dabei erlebe.
Seit einiger Zeit besucht mich nun regelmässig ein Drache, auf Spaziergängen oder wenn ich gedankenverloren meinen Garten giesse. Es ist ein roter Drache. Das Tai-Chi-Qigong hat ihn wachgerüttelt, er, der viele Jahrhunderte in felsigen Höhlen, sumpfigen Gewässern oder Ozeanen darauf gewartet hat, bei Menschen Gehör zu finden, sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir Dinge über meinen Körper ins Ohr. Der Drache bietet sich als Seelenverwandter an und erteilt mir Lektionen: So behauptet er etwa, dass er das Gleichgewicht der Kräfte von Yin und Yang im menschlichen Körper verstehe, oder dass ich lernen müsse, meine Energien zu kontrollieren. Nur so könne ich Schlagkraft entwickeln. Bei mir sei zu viel Yang im Spiel, meint er, zu viel Kopf.
Nun ja, das ist bei einer Essayistin wie mir nicht weiter erstaunlich. Und natürlich müsste eine wissenschaftlich geschulte Person wie ich sofort reklamieren, wenn mir ein roter Drache Lebensweisheiten einzuflüstern versucht und dann noch derart zweifelhafte. Aber der rote Drache hat dennoch eine Türe in mir geöffnet, dazu mehr auf meinen Körper zu achten und anders, anderes wahrzunehmen, meine Fühler nach Erfahrungen auszustrecken, die es sonst nicht über die Schwelle des Bewusstseins schaffen.
Wie beim Elefanten klingt mit meinem roten Drachen eine verzauberte Saite meines Körperbewusstseins an. Ich bin vielleicht grössenwahnsinnig, wenn ich denke, dass ich eines der grössten und gefährlichsten Fabelwesen verstehen könnte. Aber ich fühle mich gebauchpinselt und akzeptiere mein Los, zur Übersetzerin für das Drachenvolk zu werden, das, würde man sich am Christentum orientieren, eigentlich im Höllenfeuer brutzeln sollte. Ich hole nun etwas aus. Denn es gab gute und sehr schlechte Zeiten für die Drachen.
2.
Ich möchte meine Karten offen auf den Tisch legen. Mich beschäftigt in diesem Essay, was Drachen einst für die Menschheit geleistet haben und weshalb wir heute in einer Drachen-losen Zeit ein Drachenbewusstsein entwickeln sollten, um uns im Zeitalter des Anthropozäns besser zurechtzufinden. Ich habe meiner Forscherinnen-Ehre zum Trotz weiter auf meinen roten Drachen gehört und liess ihn reden über Yin und Yang, über die Kräfte in meinem Körper, die mir die Kräfte um mich herum widerspiegeln. Er und all meine Drachen haben mich weit gebracht.
3.
In der Vergangenheit hat man vermutet, dass gewisse Dinosaurier oder Komodowarane den Ursprung der Mythen, Sagen, Legenden und Märchen rund um Drachen gewesen sein könnten, die überall auf der Welt in verschiedensten Variationen existieren. Doch die Drachenforschung, die ihrerseits zutiefst zerklüftet, multidisziplinär und widersprüchlich ist, kann einen Ursprung aus der Evolutionsgeschichte nicht erklären. Etwas süffisant sei hier immerhin angefügt, dass bis ins 18. Jahrhundert naturkundliche Werke Drachen in Europa als physische Realität aufführten. Doch irgendwann wurden sie ins Reich der Fabelwesen ab delegiert und fortan nur noch von Anthropologen, Ethnologen oder Kultur- und Literaturwissenschaftlerinnen als pure Fiktion studiert.
Auch wenn wir uns heute einig sind, dass die Drachen nicht wie die Dinosaurier einem Extinction Event zum Opfer fielen, so fällt dennoch auf, wie unausrottbar Drachengeschichten sind und wie unablässig wir uns mit ihnen beschäftigen. Sie sind überall, in Flurnamen, Bezeichnungen für Höhlen und Felsen, sie zieren unzählige Wappen und Banner, sind oft formidable und noch öfter satanische Gegenspieler in Heiligen- und Heldengeschichten des Mittelalters, tauchen heute in vielen Videogames auf, in Disney Filmen oder der Fantasy Literatur usw. Für diese fiktive Spezies scheint sogar zu gelten: Se non è vero, è ben trovato.
Die Drachen Europas waren die Verkörperung zerstörerischer Erdkräfte, von anti-zivilisatorischen Dynamiken, die, vermeintlich aus dem Nichts, Stürme, Fluten, Feuersbrünste oder Erdbeben über die Menschheit hereinbrechen liessen. Sie wüteten überall, liessen Bäche Dörfer wegschwemmen oder Berge andere verschlucken. Wer weiss − vielleicht hat es die Drachen damals durchaus glücklich gemacht, immer mal wieder Jungfrauen serviert zu bekommen. Wenn sie schon die Bösewichte vom Dienst waren, dann doch bitte so richtig krass. Auf jeden Fall waren sie so mächtig, dass Könige und Kaiser zur Abschreckung ihrer Feinde und auf ihren Feldzügen Drachen auf ihren Bannern trugen. Sie waren nützlich, aber im Notfall einfach an allem schuld und darum Verfolgte. Und hatte ein Drache überlebt, dann konnte man auf den nächsten Drachentöter hoffen und ab und zu auf die Hilfe des Erzengels Michael.
Sind wir heute, so ganz ohne Drachen, glücklich? Um Armeen von Invasoren zu trotzen, werden heute Tausende junger Männer verheizt und Tonnen von Kriegsmaterial entfesselt. Mit demselben Resultat: zerstörte Landschaften und getötete Familien, zerstörte Ernten und Infrastrukturen. Es scheint in unserem Zeitalter genauso wenig Licht zu geben wie im dunklen Mittelalter. Einst äscherten Drachen ganz Städte mit ihrem Feuer ein. Heute überzieht die Militärmacht wild gewordener Despoten Länder und ihre Menschen. Leider ist uns das liebste Feindbild, der Drache, aber abhandengekommen. Denn es sind nicht diese geflügelten, Feuer speienden, giftigen Monster, die die Menschheit bedrohen, sondern die Menschen selbst.
Die Funktion des Drachen als Bösewicht und Sündenbock ist entkoppelt von den Katastrophen und Kriegen, die wir gegenwärtig erleben. So sehr so, dass wir fliegende Kinderspielzeuge aus Papier Drachen nennen. Und wer würde heute schon denken, dass im nahegelegenen Fluss ein Ungeheuer schläft und dass dieses ab und zu erwacht und all die schrecklichen Überschwemmungen verursacht, die etwa eine Stadt periodisch ereilen. Darum frage ich mich unweigerlich: Was ist das geringere Übel? Dass sich die Menschheit einst vor Drachen fürchtete, oder dass wir uns heute der Erkenntnis stellen müssen, dass die Kriegsmaschinerie und die häufigen katastrophischen Naturereignisse (auch) menschengemacht sind?
Für Kriege, Katastrophen, Epidemien und andere Nöte gibt es heute keinen einfachen Trost. In Zeiten des Anthropozäns gehen nicht nur viele Tier- und Pflanzenarten verloren, klettern die Temperaturen auf Höchstwerte, werden ganze Gemeinschaften dislozieren müssen, um nicht vom Meer verschluckt zu werden, sondern auch die Hoffnung. Und kein Retter, keine Retterin weit und breit in Sicht.
Darum frage ich nochmals: War diese Angst vor dem Drachen nicht erträglicher als die Ohnmacht, die wir heute empfinden, wenn wir Zeugen und Zeuginnen davon werden, dass sich die Natur nach dem Kippen sogenannter Tipping Points gegen uns richtet? Wenn wir als Kollektiv und als Einzelne die Klimaerwärmung und den Verlust der Artenvielfalt mit-verschulden, einzelne mehr als andere?
Der Drache war ein nützlicher Idiot, der der Aufklärung zum Opfer fiel. Seither stehen wir so nackt wie einst Adam und Eva vor Gott, vor einer entfesselten Natur.
Bei mir setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass die Drachen nur noch im Land der Fantasie, der Tiefenpsychologie oder der Popkultur geduldet sind, dass aber ihre Eigenarten und ihr Nutzen heute aktueller sind denn je. Jetzt wo wir zu Opfern unserer selbstgemachten Katastrophen werden, können wir vielleicht etwas von den Drachen lernen. Anstatt den Drachen nochmals den Todesstoss zu versetzen, möchte ich hier eine Lanze brechen für ihn. Wenigstens für meinen roten Drachen, der mir auf der Schulter sitzt, und für die Lektionen, die er mir erteilt.
Wer gleich den ganzen Text lesen möchte, kann das hier tun.
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