Natur und Gesundheit

Dass die Natur einen Einfluss auf die menschliche Gesundheit und unser Wohlbefinden hat, weiss man schon seit sehr sehr langer Zeit. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts gibt es dafür nun auch wissenschaftliche Evidenz, unter anderem aus der Umweltpsychologie. Diese hat sich seit ihren Anfängen weiterentwickelt und spezialisiert. Im 21. Jahrhundert entwickelte sie sich zur Psychologie der Nachhaltigkeit.  Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Beitrag der Natur zur Aufmerksamkeit und Stressreduktion.

Zwei Perspektiven

Die Umweltpsychologie beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seiner gebauten und natürlichen Umwelt. Dabei schaut diese Disziplin aus zwei möglichen Perspektiven auf unsere natürliche Umwelt. Erstens, untersucht sie den Einfluss der Umwelt auf die Erfahrungen, das Verhalten und das Wohlbefinden der Menschen. Zweitens, und in umgekehrter Richtung, erforscht sie den Einfluss des Individuums auf die Umwelt. Das heisst sie untersucht Faktoren, die das Umweltverhalten von Menschen beeinflussen und umweltfreundliches Verhalten fördern. Hier schreibe ich aus der Perspektive, was die Natur zu Gesundheit und Wohlbefinden oder genauer was sie zur Wiederherstellung von Aufmerksamkeit und der Stressreduktion beiträgt.

Als man sich Ende der 60er-Jahre der Umweltprobleme stärker bewusst wurde, entstanden zahlreiche Studien, die die negativen Einflüsse menschlicher Aktivitäten auf die biophysikalische Umwelt beschrieb und die auf Probleme wie Lärm oder Umweltverschmutzung auf die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden eingingen. Auf die Frage, was die Umweltpsychologie zur Förderung von Umweltbewusst beiträgt, möchte ich in einem späteren Artikel eingehen.

Was genau umfasst Natur in der Stadt?

Um den breiten Begriff der Natur in der Stadt zu präzisieren, sei hier eine Definition von Kaplan, Kaplan und Ryan erwähnt. Natur in der Stadt sind:

  • Parks und Freiflächen,
  • Straßenbäume,
  • leere Grundstücke und Hinterhofgärten
  • Felder und Wälder.

In dieser Definition eingeschlossen sind Orte, die:

  • winzig klein bis groß sind,
  • durch das Fenster sichtbar bis weit entfernt, oder
  • sorgfältig bewirtschaftet bis relativ vernachlässigt sind.

Einer der wohl bekanntesten Wissenschaftler im Zusammenhang mit dem Beitrag von Natur zu Gesundheit und Wohlbefinden ist Roger Ulrich. Er hat sich bereits 1984 mit dem Einfluss der natürliche Umgebung auf die Genesung von Kranken beschäftigt. So konnte er konnte beispielsweise nachweisen, dass schon der Blick aus dem Patientenzimmer eine positive Wirkung auf kranke Menschen haben kann. In seinem Artikel „View through a window may influence recovery from surgery“ beschrieb er, wie ein Blick auf die Natur sich die Schmerzempfindung oder Angst reduzieren kann.

Natur unterstützt die Aufmerksamkeit und Stressreduktion

Die natürliche Umgebung oder Ökosysteme machen Beiträge an die Menschen und erbringen eine wertvolle „Dienstleistung“ an sie
In einem andern Artikel hatte ich bereits darüber geschrieben. Im Fall von Grünflächen in der Stadt kann man von einer psychologischen Dienstleistung sprechen, wie sie William C. Sullivan nennt. Zu dieser Dienstleistung gehören eine Reihe von kognitiven und psychophysiologischen Auswirkungen auf den Menschen, die auf zwei verschiedene Mechanismen zurückzuführen sind:
* Erstens, die Wiederherstellung unserer Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu schenken,
* Zweitens, eine schnellere Verringerung der psychologischen und physiologischen Anzeichen von Stress.

Wiederherstellung von Aufmerksamkeit

Kaplan und später Kaplan, Kaplan und Ryan haben Mitte bis Ende der 90er-Jahre eine Theorie der Wiederherstellung von Aufmerksamkeit (Attention Restoration Theory, ART) entwickelt. Diese besagt, dass schon nur der Aufenthalt in der Natur (passiv) oder Aktivitäten (aktiv) dazu beitragen, mentale Müdigkeit zu bekämpfen. Bedenken wir, wie viel Zeit wir in westlichen Gesellschaften vor dem Computer verbringen, dann ist geistige Erschöpfung oder auch nur Müdigkeit kein triviales Problem. Wir stellen unsere Aufmerksam wieder her, indem wir passiv die Bewegung der Wolken am Himmel beobachten oder dem Wind lauschen. Zu den aktiven Tätigkeiten gehören Jagen oder Fischen, die Domestizierung der Wildnis durch Gartenarbeit, die Pflege von Haustieren oder die Beobachtung von Vögeln oder anderer Tiere bei Zoobesuchen. Wir erholen uns, wenn wir berührt werden durch die Natur.

Kaplan, Kaplan und Ryan schreiben dazu: „Im Gegensatz zu den Erfordernissen der gezielten Aufmerksamkeit beinhaltet Faszination eine Aufmerksamkeit, die keine Anstrengung erfordert. Etwas, das faszinierend ist, dem ist schwer zu widerstehen, es zu bemerken oder daran teilzunehmen. Einer der wichtigen Vorteile faszinierender Situationen ist, dass sie Zeit bieten, sich von geistiger Ermüdung zu erholen. Mit anderen Worten: Mentale Müdigkeit kann verringert werden, wenn man sich in Umgebungen befindet, die Faszination bieten.“

Eigentlich könne die Wiederherstellung von Aufmerksam auf vielen verschiedenen Ebenen und in sehr unterschiedlichen Zeiträumen erfolgen.
Es sei jedoch auffallend, wie leicht sich Naturschauplätze und Aktivitäten, die die Natur mit einbeziehen, für eine Wiederherstellung eignen. Natur könne einem ein Gefühl der Ausdehnung vermitteln, auch wenn man sich nicht in der Wildnis befindet. Für viele Menschen habe ein Hausgarten sowohl im physischen als auch im konzeptionellen Sinne Ausdehnung. „Sogar im tiefsten Winter kann man im Geiste durch den Garten wandern und Veränderungen erwägen, die im Frühling vorgenommen werden müssen.“

Stressreduktion

Roger Ulrich nimmt – wie oben gelistet – eine leicht andere Perspektive ein. Er ist der Begründer der Stressreduktionstheorie (SRT) und beschreibt, dass wir uns in der Natur von einem stressigen Ereignis erholen können. Sullivan fasst Ulrichs Theorie so zusammen: Sie geht davon aus, dass Landschaften mit Vegetation, Wasser, mit geringer Tiefe und Komplexität für Hunderttausende von Generationen dem menschlichen Überleben förderlich gewesen sind. Solche Umgebungsressourcen boten die Fähigkeit, die Ankunft von Raubtieren zu verhindern. Deshalb helfen solche Landschaften auch, Erregungszustände und negative Gedanken zu mildern und zu reduzieren und damit die psychologischen und physiologischen Symptome von Stress zu verringern.

Sullivan schreibt dazu, dass eine Vielzahl von Studien gezeigt hat, dass bewirtschaftete grüne Landschaften wie städtische Parks, mit ausgewachsenen Bäumen oder bepflanzte Gemeindestraßen mit einer Senkung des Blutdrucks, einem niedrigeren Spiegel des Stresshormons Cortisol, einer Abnahme des Stresses und einer Zunahme der positiven Stimmung einhergehen.

Fazit

Konkrete Handlungsanweisungen aus ART richten sich an „Personen, die an der Gestaltung und Verwaltung von Parks, Naturschutzgebieten, Unternehmenslandschaften und vielen anderen Arten von nahe gelegenen Naturlandschaften beteiligt oder dafür verantwortlich sind“. Und es empfiehlt sich, „Naturgebiete so zu gestalten und zu verwalten, dass sie der Ruhe, der Vernunft und der Effektivität der Menschen, die mit ihnen in Kontakt kommen, zugute kommen“.

SRT hat wichtige Implikationen für die Standortwahl, die Architektur und das Design von Krankenhäusern. Spitäler sollten möglichst all ihren Patienten eine Aussicht auf die Natur oder die Rekonvaleszent in der Natur bieten. Ein Beispiel dafür ist die Ita Wegman Klinik, heute die Klinik Arlesheim (siehe Bild oben). Im Ausserbereich befindet sich dieser wunderbare Teich mit Wasserlilien.

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.

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