Flüsse und ihre Städte: Einführung (eine mehrteilige Serie)

In den kommenden Monaten werde ich mich in den Episoden von „Nature and the city – Die Natur und die Stadt“ immer wieder mal mit Gewässern beschäftigen, mit Flüssen, Quellen, Seen, dem Meer und ihrer Bedeutung für die Städte, an denen sie liegen. In einer losen Folge von Beiträgen werde ich verschiedene relevante Themenfelder ausleuchten wie etwa die Geschichte, Kultur, aquatischen Ökosysteme, Topographie, Geologie, Energie, Wirtschaft als auch die Zukunft der Flüsse für „ihre“ Städte. Ich habe mich in den letzten Monaten mit den Schweizer Flüssen wie Aare oder Rhein beschäftigt und darüber hinaus und zum Vergleich auch mit der Themse, der Seine oder der Donau, der Nieuwe Maas… Durch unsere Flüsse in der Schweiz sind wir in alle Himmelsrichtungen mit Europa verbunden. Die Schweiz wird deswegen oft als Wasserschloss bezeichnet. Wasser generell und die Gewässer im Speziellen sind durch den Klimawandel im Stress. – Darum möchte ich hier den einzelnen Flussporträts zunächst Mal eine etwas allgemeinere Einführung vorausschicken, um das weite Feld der Herausforderungen zu umreissen. Die Flüsse und ihre Städte sind gleichermassen unter Druck.

Einführung Flüsse und ihre Städte

Viele grosse Städte liegen auch an grossen und bekannten Flüssen. Oft haben diese Flüsse ihre Städte erst so richtig gross gemacht. Zum Tiber und dessen Rolle in der Gründungsgeschichte von Rom habe ich hier bereits geschrieben. Sie dienten als Transportwege für die Zufuhr von Lebensmitteln und anderen Gütern in die Stadt. Sie dienten als Demarkationslinien und Grenzen zu Nachbarländern. Sie lieferten das Wasser für Mühlen und später für Kraftwerke – also Energie für Unternehmen und die städtischen Gesellschaften. Und nicht zuletzt lieferte und liefern sie eines der wichtigsten Lebensmittel überhaupt frei Haus in die Stadt – Trinkwasser.

Bis 2050 werden weltweit zwei von drei Menschen in städtischen Gebieten leben, was bedeutet, dass die weitere Entwicklung der Städte zunehmend das Wohlbefinden der Menschen prägen wird. Eine wachsende Zahl von Städten erforscht deshalb naturbezogene Lösungen, die auf die Förderung der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit, auf die Verbesserung der Lebensqualität durch die Kühlung von Städten und auf die Wiederherstellung natürlicher hydrologischer und ökologischer Prozesse abzielen. Zu den internationalen Aktionen gehören bspw. Baumpflanzkampagnen, neue oder verbesserte Parks oder Freiflächen, die Anlage von begrünten Dächern oder Regengärten, städtische Landwirtschaft und natürlich auch die Wiederherstellung städtischer Flüsse oder Bäche.

Denn Flüsse sind:

  • Gestalter von Landschaften,
  • Gestalter von Siedlungen und Städten,
  • Gestalter von Ökosystemen.
  • Flüsse sind wichtig für Wirtschaft und Energieproduktion.
  • Flüsse sind verantwortlich für Dürre, Überschwemmungen, Anstieg des Meeresspiegels.
  • Flüsse sind lebendige Wesen.

Flüsse als Gestalter von Landschaften

Flüsse haben die Landschaft Europas auf vielfältige Weise geprägt. Durch Erosion und Ablagerung haben sie Täler geformt, die Topographie verändert und fruchtbaren Boden geschaffen. Flüsse erodieren das Land, durch das sie fließen, indem sie Gestein und Boden abtragen. Dieser Prozess hat tiefe Täler und Schluchten in vielen Teilen Europas geschaffen wie das Rheintal in Deutschland oder die Donauschlucht in Osteuropa. Flüsse transportierten erodiertes Material und lagerten es in ruhigeren Bereichen ab, wie in Flussmündungen oder in Überschwemmungsgebieten. Diese Ablagerungen bildeten oft fruchtbaren Boden, der für die Landwirtschaft ideal war. Flüsse sind die Gestalter von Landschaften. Die Donau hat beispielsweise im Laufe der Jahrtausende in Zentraleuropa eine breite Ebene geschaffen, die heute als Pannonische Tiefebene bekannt ist.

Flüsse als Gestalter von Siedlungen und Städten

Flüsse spielten eine entscheidende Rolle bei der Gründung und Entwicklung vieler großer europäischer Städte. Sie dienten als natürliche Verkehrswege für den Handel und die Kommunikation, was die wirtschaftliche Entwicklung förderte. Darüber hinaus boten sie eine zuverlässige Wasserquelle für die Landwirtschaft und den täglichen Gebrauch, was die Ansiedlung von Menschen ermöglichte. Flüsse dienten oft auch als natürliche Verteidigungslinien gegen feindliche Invasionen. Städte wie Paris an der Seine, London an der Themse, Wien an der Donau und Bern an der Aare sind Beispiele für solche Siedlungen. Mit der Zeit haben diese Städte Infrastrukturen entwickelt, um die Vorteile ihrer Flusslage zu maximieren, einschließlich Hafenanlagen, Brücken und Industrieanlagen.

Flüsse als Gestalter von Ökosystemen

Flüsse bieten Wasser, Nahrung und Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren. Sie transportieren Nährstoffe und Sedimente, die die Produktivität von Ökosystemen sowohl im Fluss selbst als auch in angrenzenden Gebieten wie Überschwemmungsgebieten und Mündungsgebieten erhöhen. Und sie dienen als Korridore, die die Ausbreitung und Migration von Arten ermöglichen. Der Klimawandel hat jedoch erhebliche Auswirkungen auf sie und die von ihnen unterstützten Ökosysteme. Hier einige Beispiele:

  1. Der Klimawandel kann zu mehr extremen Wetterereignissen führen, einschließlich stärkerer und häufigerer Überschwemmungen und Dürren. Diese können die Wasserqualität und -quantität in Flüssen beeinträchtigen und die Lebensräume von Pflanzen und Tieren stören.
  2. Höhere Temperaturen können die Verdunstungsraten erhöhen und den Sauerstoffgehalt des Wassers verringern, was sich negativ auf die aquatische Tierwelt auswirken kann.
  3. Der Anstieg des Meeresspiegels kann dazu führen, dass Salzwasser in Flussmündungen eindringt, was die dortigen Ökosysteme verändert und Süsswasser-Ressourcen gefährdet.
  4. In den Alpen sind Flüsse stark von der Schmelze von Gletschern und Schneefeldern abhängig. Wenn diese schmelzen, wird der Wasserfluss erheblich verändert.

Flüsse sind wichtig für Wirtschaft und Energieproduktion

Flüsse spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Industrie und der Energieerzeugung für ihre Städte. In der Vergangenheit wurden Flüsse häufig zur Energiegewinnung genutzt, indem Wasserräder in den Flusslauf eingebaut wurden, um Mühlen anzutreiben. Ein schönes Beispiel ist die Papierindustrie von Basel des 15. und 16. Jahrhunderts. Bereits die historische Wasserkraft ermöglichte also die Entwicklung von Handwerks- und Industriebetrieben in Flussnähe. Mit der Nutzbarmachung von Wasser für Elektrizität begannen Menschen, Flüsse zur Erzeugung von elektrischer Energie durch Turbinen zu nutzen. Dies hat zur Entwicklung von Industrien in Gebieten geführt, die sonst möglicherweise nicht über ausreichende Energiequellen verfügt hätten. Darüber hinaus wurde Flüsse nicht nur zur Energieerzeugung genutzt, sondern auch als Transportwege für Rohstoffe und Fertigprodukte. Wasser aus den Flüssen wurde oft direkt in industriellen Prozessen verwendet, beispielsweise zur Kühlung in der Stahl- und Chemieindustrie. Die Ansiedlung von Industrie und Siedlungen hat sich aber auch negativ auf die Flüsse ausgewirkt. In vielen Städten gibt es Episoden von Wasserverschmutzung – Schweizerhalle in Basel, «the big stink» in London oder in Paris, eine Stadt die ihren Fluss für die Olympiade 2024 «beschwimmbar» zu machen versucht.

Dürre, Überschwemmungen, Anstieg des Meeresspiegels

Flüsse unterliegen vermehrt Extremen zwischen dem Austrocknen von Quellen und Flüssen, dem Absinken des Grundwasserspiegels und der phasenweisen Überschwemmung von Landschaften und Flussufern in Städten. Der Hydro CH2018 Bericht des Bundesamts für Umwelt beschäftigte sich etwa mit dem Wasserhaushalt, der Gewässerökologie, dem Hochwasserschutz, der Wassernutzung und dem Gewässerschutz und beschrieb eine Reihe von wahrscheinlich eintretenden Szenarien. In europäischen Ländern des Südens wie Spanien, Portugal oder Italien ist die Austrocknung von Flüssen wie des Tajo/Tejo, des Pos oder das Absinken der Grundwasserspiegel wegen intensiver landwirtschaftlicher Nutzung ein Problem von höchster Dringlichkeit. Die New York Times schrieb unlängst dazu: „Die globale Erwärmung lässt den Meeresspiegel auf zwei Arten ansteigen. Erstens schmilzt sie Gletscher und Eisschilde, wodurch den Ozeanen Wasser zugeführt wird. Zweitens dehnt sich das Wasser durch die höheren Temperaturen aus und vergrößert sein Volumen. Der Meeresspiegel ist seit 1880 bereits um etwa 23 Zentimeter gestiegen. (…).“ Viele Menschen leben bereits auf Flächen, die akut gefährdet sind.

Flüsse als lebendige Wesen

In einigen Schulen der Ökophilosophie, wird das Universum als grundlegend lebendig angesehen (1). In andern stellt man die Koexistenz von Menschen und Natur oder gar die Co-Kreation in den Vordergrund. Ökophilosophie kann man als die säkularisierte Form von etwas bedeutend Älterem beschreiben wie den Schamanismus oder in Europa die antike Mythologie. In dieser wurden Flüsse als göttliche Wesen oder als von Geistern oder Nymphen bewohnt angesehen. In der griechischen Mythologie zum Beispiel waren Flussgötter mächtige Wesen, die das Leben beeinflussen konnten, indem sie die Flüsse kontrollierten, die für die Landwirtschaft und das tägliche Leben wichtig waren. In Rom spielte der Gott Tiberinus eine entscheidende Rolle in der Gründungsgeschichte der Stadt. Für viele Künstler:innen waren Flüsse Motiv und Inspiration für ihre Malerei oder Gedichte. Aber auch ohne diese Bezüge spielen Flüsse für die Stadtbewohner:innen eine wichtige Rolle. Letztere fühlen sich ihnen emotional verbunden, nicht zuletzt auch weil sie einen Teil ihrer Freizeit dort verbringen.
Im nächsten Blog-Beitrag geht es um den Rhein.

(1)  Siehe dazu etwa auch die Ausstellung «Alles lebt» im Haus der Kulturen Basel.

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.

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