Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur. Essay, Teil 2

Dies ist mein zweiter Essay, den ich (auch) hier veröffentliche. Hinter dem Titel versteckt sich – in der Tat! – ein Text, der von der Liebe handelt und wie diese heute in einem Teil der Popkultur dargestellt wird. Der Essay fällt ein wenig aus dem Themenkanon meines Blogs heraus, holt aber am Ende wieder dazu auf. Denn dass eine Sprache für die Liebe eine Sprache der Natur ist, diese Behauptung hat eine ökophilosophische Dimension. Wer also die Geduld aufbringt, alle Teile des Essays zu lesen, findet zurück zu „Nature and the city“ und meinen liebsten Themen.

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Teil 2

Hintergründe – ohne abschreckende Wirkung

Ich habe versucht, mich etwas über die südkoreanische Erfolgsgeschichte der K-Popkultur schlau zu machen, die umso mehr glitzert und scheint, wenn man sie neben das hässliche Entlein Nordkorea stellt. Die internationale Welle soll der Sänger Psy losgetreten haben mit seinem seltsamen Jockey-artigen Tanz, den er zum Song Gangnam Style ausführt. Damals fand ich ihn ziemlich lächerlich, heute weiss ich aber, dass Psy sich über die Geldelite lustig macht, die im reichen Gangnam, einem Quartier von Seoul lebt. Ausgerechnet ein Nestbeschmutzer hat K-Pop den Zugang zum internationalen Markt verschafft. Es spricht für die Südkoreaner, dass sie mit Psy lachten und sich wohl sowohl über den weltweiten Erfolg freuten als auch wegen des für den Geldadel bestimmten Sarkasmus die Hände rieben.

Schon zuvor, Anfang der Nullerjahre, hat Südkorea auf den asiatischen Mark geschielt und fand ihn in Japan. Den Durchbruch von K-Dramen zur Bekanntheit über den Heimmarkt hinaus gelang 2002 mit Winter Sonata. Auf diese Serie, in der zwei Liebende getrennt werden, nur um sich Jahre später wieder zu begegnen, reagierten japanische Frauen mit ekstatischer Begeisterung. Offenbar war es für sie eine Offenbarung, dass die Männlichkeit des koreanischen Hauptdarstellers friedlich mit seiner Emotionalität koexistieren konnte. Für das einst durch Japan gebeutelte Südkorea war es eine Genugtuung, den ehemaligen Feind auf diese Weise zu erobern.

Sanftheit gepaart mit unbändigem Willen oder Kampfgeist ist ein wiederkehrendes Thema in K-Dramen. Die koreanisch-amerikanische Autorin Euny Hong beschreibt in ihrem Buch The Birth of Korean Cool: How One Nation is Conquering the World Through Pop Culture ein Gefühl namens han, für das es keine direkte Übersetzung gibt. Han besteht aus unterdrückten Ressentiments, aus Wut oder gar Selbsthass. Diese Gefühle seien tief in einer underdog-Identität vieler Koreanerinnen und Koreaner verwurzelt, deren Entstehung Hong unter anderem mit der brutalen Zerstörung der 500 Jahre alten Joseon-Dynastie durch die japanischen Besatzer erklärt. Sie hatten das Land von 1910 bis 1945 brutal unterjocht.

Han treibt auch in aufblühenden Liebesbeziehungen der K-Dramen sein Unwesen in Form sozialer Scham, wenn etwa die Hauptfigur einer Familie mit einem Makel wie der Armut entstammt oder wenn sie für ihren Ehrgeiz, in der Arbeitswelt voranzukommen, oder ihren Wunsch nach sozialer Mobilität lächerlich gemacht wird. Ich finde mich mit meiner eigenen Familiengeschichte, in der es Migration und Schicksalsschläge gab, in dieser sozialen Form der Scham wieder. Ich würde gar sagen, dass meine Selbstwehr wie in vielen K-Dramen darin bestand, mich mit meiner Herkunft zu beschäftigen und Eliten zu verabscheuen.

Euny Hong beschäftigt sich mit weiteren Faktoren, die zur internationalen Beliebtheit von K-Popkultur geführt haben. Sie beleuchtet die Rolle der Regierung bei der Förderung der koreanischen Creative Economy und wie diese Regierung zur weltweiten Verbreitung der Produkte beigetragen hat. Als das Buch 2014 herauskommt, klingt das so, als sei die Regierung die alleinige Treiberin der K-Popkultur gewesen. Auch in Korea war es wie bei Englands Margaret Thatcher eine Frau, Präsidentin Park Geun-hye, die auf die Creative Economy als Wirtschaftsfaktor setzte. Die Industrie sei dem Ruf der Präsidentin gefolgt. Hong distanziert sich rund zehn Jahre später von diesem kausalen Zusammenhang in einem Artikel in der New York Times. Man hat sie offenbar dafür angegriffen, dass sich in ihrer Interpretation des Aufstiegs des K-Pops die Autorinnen und Produzenten, die eigentlichen Akteure der Kreativindustrie, in der Rolle der Marionetten wiederfinden.

Dennoch ist ihre Recherche für eine Westlerin interessant. Hong beschreibt die südkoreanische Kreativwirtschaft etwa als eine, die weniger auf das Individuum fixiert als die USA. In Südkorea werden junge Talente für bis zu 13 Jahre lang unter Vertrag genommen und ausgebildet, bis sie im richtigen Mix in einer der zahlreichen Boy- und Girl-Bands zu Teams geformt werden. Hong beleuchtet auch die einzigartigen Merkmale der K-Dramen, wie zum Beispiel die emotionale Intensität, die gut entwickelten Charaktere oder die fesselnden Handlungsstränge. Und sie diskutiert die Auswirkungen von K-Dramen auf die koreanische Gesellschaft und wie sie das Bild von Korea im Ausland geprägt haben.

Hong hat ausserdem ein Buch mit dem Titel Nunchi geschrieben, das hilft, koreanische Umgangsformen besser zu verstehen. Nunchi ist die Fähigkeit von Koreanerinnen und Koreanern, Situationen und Menschen wie etwa die eigene Arbeitsumgebung inklusive Chef intuitiv richtig einzuschätzen und damit die eigene Position zu festigen. Diese Fähigkeit ist bei Einzelnen mehr oder minder entwickelt. Die Helden und Heldinnen von K-Dramen aber verfügen über ein hohes Mass an nunchi, wie ich oben schon beschrieben habe. Dieses Konzept erklärt gut, weshalb sich koreanische Menschen oft etwas seltsam verhalten. Die von Hong beschriebenen Prinzipien von nunchi beinhalten etwa: Lernen Sie zu beobachten. Beobachten Sie, um Informationen zu erhalten. Verpassen Sie niemals die Gelegenheit, den Mund zu halten. Halten Sie sich an die Regeln. Oder: Seien Sie flink und schnell. (Wenn man herausgefunden hat, was zu persönlichem Erfolg verhilft.) Der Westen hat das Konzept der emotionalen Intelligenz zu bieten, das jedoch nicht ganz deckungsgleich mit nunchi ist.

Die Kunst des Liebens ist die richtigen Worte zu finden

„Wie lernten wir uns kennen? Eines Tages flog ein Schmetterling wie ein Blütenblatt und flatterte umher. Wie kamen wir bis hierher? Die Ecke der Strasse, wo wir uns an einem Frühlingstag unsere Liebe gestanden. Es war ein Wunder. Wir hielten Händchen, als wir die Strasse entlang gingen. Der Löwenzahn unter dem Telefonmast schwankte hell. Wie schafften wir es so weit? Entstand unsere Liebe, weil wir so schöne Momente durchschritten? Ich bin der Ansicht, dass es keinen Zufall in der Liebe gibt. Ich glaube, dass das Universum selbst die kleinsten Dinge berechnet, wie den Flügelschlag eines Schmetterlings, damit sich zwei verlieben. Ein unvermeidliches Wunder. Ich wollte wohl nicht glauben, dass wir uns zufällig trafen. Das Einzige, was ich tun kann, ist mein Bestes zu geben. − Im Moment durchschreite ich Deine Liebe.“

Aus: Ein Wort, mächtiger als die Liebe (Autor nicht bekannt)

Das K-Drama The Bride of Habaek beginnt mit viel Situationskomik. Um den Thron des Göttlichen Reiches zu besteigen, muss der Gott des Wassers Habaek die Menschenwelt besuchen und drei heilige Steine finden, die dort von drei Wächtern behütet werden. Da Habaek beim Fall vom Himmel seine göttlichen Kräfte verloren zu haben scheint und auch noch nackt wie ein Baby auf der Erde ankommt, ist er auf Hilfe angewiesen. Diese soll ihm Yoon So-ah bieten, eine Psychiaterin, die ihre eigene Praxis betreibt und mit finanziellen Problemen und Schulden zu kämpfen hat. Sie weiss nicht, dass sie die letzte Nachfahrin einer Familie ist, die sich vor vielen Generationen den Göttern zum Dienst verpflichtet hat. Habaek ist für die Psychiaterin nur ein weiterer nut case, der sich als Gott ausgibt. Erst später beginnt So-ah jedoch wegen gelegentlicher Beweise an Habaeks Göttlichkeit zu glauben.

Der 2800 Jahre alte Wassergott muss sich an die Absurditäten einer modernen Gesellschaft gewöhnen wie etwa an gigantische Werbeflächen mit ebenso monströs-grossen Köpfen darauf oder die Kommunikation mit Handys. Er macht sich über die verdrehten Werte der materiellen Welt lustig, wobei auch er nicht ganz gegen den Charme schöner Autos oder elaborierter Hemden der südkoreanischen Modeindustrie gefeit ist. Doch der Kontakt des Gottes mit den Menschen öffnet ihm auch die Augen für die conditio humana: Erdlingen erscheine das Leben als kurz, was sie so nervös mache, als hielten sie einen heissen Stein in Händen. Es wird hinlänglich klar, dass Menschen und Götter nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Mehr noch, die Beziehung zwischen Göttern und Menschen ist so sehr in Unordnung geraten, dass die Götter Gefahr laufen, von der Oberfläche der Welt zu verschwinden, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben.

Einige können sich vielleicht noch an das Buch Der Papalagi von Erich Scheurmann erinnern. Ein Südseeinsulaner kommt nach Europa und stösst dabei auf alle möglichen kulturellen Unterschiede zwischen seiner und der westlichen Welt. Zu Beginn der 80er-Jahre wurde das Buch als authentische Erfahrung des Papalagi gelesen, erst später wurde deutlich, dass es sich um eine Fiktion des Deutschen Schriftstellers handelt. Der Kontrast zwischen den Welten war jedoch äusserst amüsant. Genauso in The Bride of Habaek. Während Habaek erst einmal das Konzept von Geld verstehen muss, wünscht sich So-ah mehr davon, Weekends in New York oder andere schicke Produkte.

Nicht ozeanische Gefühle und Sehnsüchte sind der Kern der erblühenden Liebe, sondern das Ausräumen der vielen Missverständnisse zwischen den beiden und die häuslichen Routinen, die das ungleiche Paar entwickelt. Sie sind das Vehikel des Beziehungsaufbaus und letztlich die tägliche Praxis des Liebens. Habaek wartet jeden Abend vor der Haustüre auf So-ah und schimpft sie aus, wenn sie zu spät kommt. Es wird gemeinsam geputzt, das Haus in Stand gestellt, gekocht und gegessen.

Im K-Drama The Bride of Habaek geht es um die Transformation der Überheblichkeit des Wassergottes hin zu bedingungsloser Liebe und den Selbstzweifel der Psychiaterin hin zu mehr Selbstliebe. Die Gefühle zwischen Gott und Sterblicher können gar erst vollständig erblühen, als So-ah ihre verdrängte Vatergeschichte angenommen und Habaek erkannt hat, dass er eigentlich auf die Erde gekommen ist, um in der Liebe seine Menschlichkeit zu finden.

Die Geschichte eines Gottes zu erzählen, der vom Olymp heruntersteigt, um Lampen zu reparieren, spielt mit der Fallhöhe seiner monumentalen Aufgabe auf Erden und den Wonnen des häuslichen Alltags, den er mit seiner sterblichen Geliebten entwickelt. Habaek muss auch Begriffe und eine Sprache finden, die seine (Liebes-)Erfahrung zu fassen vermögen. Er leiht sich dafür zunächst die Worte eines Schriftstellers aus – siehe das oben erwähnte Zitat –, die er seiner Angebeteten vorliest, während diese ganz prosaisch die Wäsche auf dem Balkon aufhängt. So etwas Grosses wie die Liebe kommt auf den Schwingen der Poesie, auf den Flügeln von Schmetterlingen daher oder wächst wie eine zarte Blume am Wegrand unter einer Strassenlaterne.

Ausgerechnet dieses K-Drama hat mich auf die Idee gebracht, Erich Fromm nochmals zu lesen. Irgendwo war erwähnt worden, dass Die Kunst des Liebens in dieser Serie zitiert werde. Ich habe überall danach gesucht, doch obwohl in südkoreanischen Serien Verweise auf Gedichte oder die (Welt-)Literatur häufig vorkommen, konnte ich die Stelle nicht finden. Dennoch scheint Fromm eine Art Leitfaden für die Entwicklung der Hauptfiguren beigesteuert zu haben.

Hier geht es zu Teil 1 des Essays.

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.

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