Die Sprache der Liebe ist eine Sprache der Natur. Essay, Teil 1

Dies ist mein zweiter Essay, den ich (auch) hier veröffentliche. Hinter dem Titel versteckt sich – in der Tat! – ein Text, der von der Liebe handelt und wie diese heute in einem Teil der Popkultur dargestellt wird. Der Essay fällt ein wenig aus dem Themenkanon meines Blogs heraus, holt aber am Ende wieder dazu auf. Denn dass eine Sprache für die Liebe eine Sprache der Natur ist, diese Behauptung hat eine ökophilosophische Dimension. Wer also die Geduld aufbringt, alle Teile des Essays zu lesen, findet zurück zu „Nature and the city“ und meinen liebsten Themen.

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„Unsere Tage werden wie die Blüte sein, die so hell um dich herum blüht.“ Liedtext aus: Der Wächter – der grosse und einsame Gott, südkoreanische Serie von 2016

Ich habe in meinem Leben einige Liebesbeziehungen erlebt. Schöne und schwierige, lange und kurze, sanfte und heftige. Doch verstanden habe ich die Liebe dabei wohl kaum. Ich war oft voller Sehnsucht, tausend Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch. Waren wir endlich zusammen, war alles wunderbar und – nochmals später – erwiesen sich die Gefühle der Verliebtheit als von kurzer Dauer. Ich hangelte mich von Abgrund zu Abgrund und überwand Einsamkeit und Schmerz mitten in einer vermeintlich glücklichen Beziehung. Ich habe die Landschaften dieser Lieben durchschritten, ohne die Landschaft wirklich gesehen zu haben. Doch kann man lieben, ohne die Liebe zu verstehen?

Heute weiss ich, dass es für ein wirkliches Durchschreiten dieser Landschaft etwas Arbeit braucht. Es wäre wohl hilfreich gewesen, wenn wir in der Schule ausser Rechnen und Schreiben auch auf die Kunst des Liebens vorbereitet worden wären. Nicht auf der Ebene von Schulbüchern oder Ratgebern, die unsere Bibliotheken füllen, auch nicht mit der öden Anschaulichkeit des Sexualunterrichts. Es hätte vielmehr um die Gefühle selbst gehen müssen, um die Sprache, mit der man sie ausdrückt, um Poesie und ihre Bilder von Spaziergängen in nebligen Wäldern oder entlang plätschernder Bäche mit ihren flirrenden Libellen. Wenn Sie dies eine etwas seltsame Art und Weise finden, unsere Liebesfähigkeit zu verbessern, dann lesen Sie weiter.

Vor einigen Monaten sind in meinem Leben zwei Dinge gleichzeitig passiert: Ich machte mich auf, einen Liebesroman über einen Stoff aus meiner Jugendzeit zu schreiben, der wie ein Versprechen lagerte und Staub angesammelt hatte. Ich warf mich mit Gusto in die Arbeit, straffte die Handlung, überprüfte die Themen in Bezug auf ihre aktuelle Relevanz für mich und gar für die Welt. Und gleichzeitig: Ich verbrachte viele Stunden auf meinem Sofa mit einem iPad in der Hand, weil ich nach Abschluss meines Berufslebens dort müde und körperlich angeschlagen gelandet war. Produktiv und effizient zu sein wie früher, ging einfach nicht. Netflix zu konsumieren jedoch schon.

Dabei stolperte ich über ein K-Drama, eine südkoreanische Romanze mit dem sprechenden Titel Crash landing on you, Bruchlandung auf dir, die zu meinem Amusement am Rande auch noch in der Schweiz spielte. Diese Bruchlandung auf mir hatte ich nicht kommen sehen. Ich tauchte ein in einen nicht enden wollenden Reigen von Liebesfilmen und Komödien, von Historien- oder Fantasy-Serien, von Thrillern usw. Ich watete dabei weit hinein in die Welt der bekannten – und deshalb nicht weniger befriedigenden − Klischees, stolperte dabei aber über eine südkoreanische Andersartigkeit, die nicht nur mein Herz zum Klopfen brachte, sondern auch meinen Geist kitzelte. Noch weniger hatte ich erwartet, dass mich diese doch recht andere Art der Anbahnung von Liebesbeziehungen in südkoreanischen Serien ins Grübeln bringen würde und mich schliesslich auf die nicht wirklich beantwortbare Frage zurückwerfen sollte, was Liebe überhaupt ist und wie sich eine Sprache für die Liebe anhören und anfühlen müsste.

Wie ist es möglich, dass sich in K-Romanzen das Verlieben wie ein Blütenrausch oder wie der Zauber des ersten fallenden Schnees anfühlt? Es dauert oft Ewigkeiten, bis in ihnen eine Liebe vollständig erblüht. Männer sind wahre Helden und dennoch verletzlich. Frauen sind Kämpferinnen und schlafen dennoch mit sinnlos kitschigen Plüschtierchen im Bett. Hinzu kommt, dass die Dialoge eine besondere poetische und emotionale Tiefe zu haben scheinen. Viele sind von Naturmetaphorik durchtränkt.

Ganz anders in unseren Breitengraden: In westlichen Serien herrscht bei der Beziehungsanbahnung ein Ex-und-hop-Tempo vor. Der erste Sex muss gleich auch als Beweis dafür herhalten, dass es sich wohl um wahre Liebe handelt. Natürlich gibt es auch in westlichen Dramen viel Herzschmerz. Aber kein anständiger romantischer Held einer amerikanischen Serie würde seiner Angebeteten ein Gedicht vorlesen oder ihr eine Liebeserklärung in Form einer Wettervorhersage machen. Ich bemerkte plötzlich: Diese Durchdringung der Liebessprache mit Poesie hatte ich vermisst. Und dass man sich daran abarbeiten kann, was die Essenz von Liebe ist.

Ich befürchte, meine Prämisse ist bereits recht kitschig ausgefallen. Doch die K-Dramen bewegen mich so, dass ich den Code der Meister und Meisterinnen des storytellings knacken möchte. Natürlich werde ich dabei nicht ohne Klischees auskommen. Ich werde mich notgedrungenermassen gar mit Kitsch beschäftigen müssen, der auch als Suche nach der Essenz von Liebe verstanden werden könnte, nicht? Ich werde nicht denken, dass meine Interpretationen der K-Dramen die koreanische Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie ist, sondern werde sie als traumartige, humorvolle, wilde, kluge, moderne Märchen verstehen, die uns trösten, beruhigen und manchmal erziehen möchten. Als ehemalige Filmkritikerin war ich nie der Meinung, dass die Popkultur nur Produkte für das dumme Volk hervorbringt, sondern dass die Traumfabriken dieser Welt einen wertvollen service public leisten, weil wir ein Recht darauf haben, ab und zu dem drögen Alltag zu entfliehen.

Ich habe mich in den letzten Monaten gefragt, ob die asiatischen K-Dramen mit ihrer erfrischenden Andersartigkeit nicht der Zerrüttung der Liebe im Westen seit den 60er- und den 70er-Jahren trotzen, einer Entwicklung, vor der Erich Fromm bereits 1956 in seinem Buch Die Kunst des Liebens gewarnt hat. Er schrieb damals: „In einer Kultur, in der die Marketing-Orientierung vorherrscht, in welcher materieller Erfolg der höchste Wert ist, darf man sich kaum darüber wundern, dass sich auch die menschlichen Beziehungen nach den gleichen Tauschmethoden vollziehen, wie sie auf dem Waren- und Arbeitsmarkt herrschen.“ Sein Buch ist aktueller denn je, aber auf dem Hintergrund der Klimakrise ist es weniger gut gealtert. So hat er etwa den Taoismus und Schamanismus nicht verstanden, der den philosophisch-spirituellen Boden der koreanischen Kultur bildet. Doch ich greife vor.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Südkorea, das vor Kurzem fast noch ein Entwicklungsland war, in den letzten Jahren die Welt mit einer Welle, mit einer hallyu der Kulturprodukte und mit soft power erobert hat. Ich werde versuchen darzustellen, dass die K-Popkultur uns etwas voraushat. Und ich stelle die Frage, ob die Fähigkeit, Poesie und Naturmetaphern in der Sprache für die Liebe zu nutzen, nicht sogar eine süsse Waffe gegen den Klimawandel ist. Denn wer verstanden hat, dass wahre Liebe immer auch All-Liebe bedeutet, die Liebe für einfach alles, und dass darin die Natur stets inbegriffen ist, für den wird sie Bilder und Worte bereithalten, um die höchsten der Gefühle auszudrücken. Diese All-Liebe wird uns aber auch in Angst und Schrecken versetzen, wenn die Natur verschwindet, die uns zu einer Sprache für die Liebe inspiriert hat. 

Andersartigkeit in einigen Punkten

Vereinfacht gesagt: Erst eine wahre Liebesbeziehung macht uns zu Menschen. In den südkoreanischen Dramen ist jedoch dorthin zu gelangen ein zäher Prozess. Für westliche Sehgewohnheiten bahnen sich Beziehungen in K-Dramen unendlich langsam an. Die Protagonisten pendeln zwischen Anziehung und Abstossung hin und her, obwohl bald klar ist, dass sie von nichts Geringerem als dem Schicksal dazu bestimmt sind, sich zu finden. Das Konzept der schicksalshaften Beziehung ist im Westen schon etwas angeknackst oder gar durch die Idee der seriellen Monogamie mit passenden Lebensabschnittspartnern verdrängt worden. In südkoreanischen Romanzen ist jedoch die erste Liebe magisch und der Ursprung einer langanhaltenden Beziehung. Oft stellen die Protagonisten mitunter fest, dass sie sich zuvor schon begegnet sind, ohne dies bemerkt zu haben. Beziehung entsteht also nicht über Nacht, sondern das Paar muss sämtliche potenziellen Beziehungsprobleme mehrfach durchgespielt haben, bevor es zueinander findet.

Glücklicherweise löst sich in K-Dramen die Spannung zwischen den Liebenden nach rund zwei Dritteln der Episoden auf. Doch nachdem die zwei Ja zueinander gesagt haben, stapeln sich neue Hindernisse auf wie die Erwartungen der Eltern, unterschiedliche Herkunft und sozialer Status, Geheimnisse, die plötzlich zur Last werden. In südkoreanischen K-Dramen ist eine konfuzianische, durch Hierarchie geprägte Familien- und Arbeitsordnung stets präsent. In ihnen gibt es Aussenseiterinnen, Rebellen oder Spinner, die den Status Quo aufzumischen versuchen. Ihnen wird es nicht einfach gemacht. Doch die Liebe ist die Himmelsmacht, die disruptiv wirkt und selbst althergebrachte Rollen und Hierarchien hinterfragt. Wenn diese Hürden auch noch überwunden sind, folgt das happy ending, welches sowohl romantisch wie realistisch ist, weil sich das Paar bereits aufeinander eingespielt hat.

Sex ist lange Zeit in K-Dramen kein Thema. Es scheint den Protagonisten nicht in erster Linie um physische Anziehungskraft allein zu gehen und schon gar nicht um eine rasche Bedürfnisbefriedigung („Süsse Dinge isst man nicht aufs Mal“, sagt ein Wassergott im Drama Die Braut des Habaek). Sondern zuerst müssen die Verliebten beweisen, ob sie sowohl dem andern helfen wie auch für sich selbst sorgen können. Will heissen, die Figuren horchen zuerst mal in sich hinein, welche Gefühle am Entstehen sind. Und sie können ungeheuer differenziert über ihr Innenleben sprechen oder sehr beredt schweigen. Nicht die fatal attraction ist sexy, sondern Fürsorge für sich selbst und später die Hingabe an den andern.

Die Drehbuchautorinnen und -autoren sind gewiefte Traumatologen. Kaum eine Figur kommt ohne eine mitunter dramatische, verdrängte Geschichte aus der Kindheit oder Jugend aus, die bei der Begegnung mit dem Schicksal unweigerlich aufpoppt. Oft scheint das Trauma gar die Beziehung zu verunmöglichen, sicher aber zu behindern. Hinter den vermeintlich leichtfüssigen Tanzschritten aufeinander zu und wieder voneinander weg verstecken sich Gefühle des Selbstzweifels, der Trauer, der Wut. Oder der Scham.

Scham scheint mir ein im Westen unterschätztes Gefühl zu sein. Wir beschäftigen uns zwar gerne mit Depressionen aller Art, mit Zwangsstörungen, mit Autismus oder Hyperaktivität. Aber über Themen der körperlichen wie der sozialen Scham rollen wir einfach hinweg. Hat uns die sexuelle Revolution der 70er-Jahre wirklich so befreit? In der Werbung oder in westlichen Produkten der Unterhaltungsindustrie ist Nacktheit selbstverständlich. In der Phase der Verliebtheit zeigt man, was man hat und was der andere kriegen wird, nicht was man fühlt. In den K-Dramen ist hingegen das Sich-zum-ersten-Mal-nackt-Sehen ein beinah existenzieller Moment der Entwicklung der Liebesbeziehung.

Natürlich sind die sich auftürmenden Hindernisse in einer sich anbahnenden Liebesbeziehung eine der ältesten Erzähl-Strategien der erotischen Literatur. Im Idealfall haben die zwei Liebenden in spe zu Beginn Vorurteile oder sind zu stolz – Pride and Prejudice lässt grüssen –, oder sie sind verfeindet – Romeo und Julia ebenfalls. Speziell an K-Dramen ist jedoch die Akribie, wie sowohl soziale, kulturelle, politische wie ethische Hindernisse zwischen den Liebenden wahrgenommen und diskutiert werden. Selbst hypothetische Probleme wie ein Minderwertigkeitsgefühl im Kopf eines Liebenden müssen überwunden werden, oft mithilfe von Gesprächen mit Freundinnen und Bekannten. Solange und so viele Male, bis die Hauptfigur verstanden hat, dass selbst eine unangenehme Eigenschaft des andern oder ein rätselhaftes Verhalten sein Gutes haben kann.

Dass man dem ersten Schwarz-Weiss-Bild einer Beziehung misstraut, entspringt einer Yin-Yang-Denkfigur. Im Guten ist stets auch das Schlechte enthalten und umgekehrt. Diese Grundannahme wirkt auch bei gröberen Konflikten deeskalierend. Würde man im Westen bei Unverträglichkeit und ersten Problemen bald einmal «… und tschüss» sagen, lässt man in K-Dramen den Dingen Zeit. Sie sollen sich ohne zu viel Einmischung entwickeln können. Auch dieser Trick ist uralt: Wenn sich die Erfüllung der Liebe nach vielen Hürden endlich Bahn bricht, wenn auch die schwierigsten Dilemmata gelöst sind, dann ist die Auflösung der Probleme wie ein wohlmundendes Läckerli zum Kaffee. Schmunzelnd erkenne ich auch oft die didaktische Absicht hinter den erzählerischen Pirouetten. K-Dramen erfüllen die Anforderung an Brot und Spiele für das Volk gekonnt und befriedigen das Bedürfnis nach einer éducation sentimentale meisterhaft, Folge für Folge. Und ich müsste noch anschliessen: Die Autoren und Autorinnen scheinen sich für ihre Geschichten einer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein.

 

Hier geht es zu meinem ersten Essay: Mit dem Tiber auf Augenhöhe

 

About the Author
Seit Dezember 2020 veröffentlicht Claudia Acklin alle drei Wochen eine Episode ihres Podcasts. "Nature and the city - Die Natur und Stadt" beschäftigt sich mit Stadtökologie, Biodiversität und dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Stadtbewohner. - Claudia Acklin studierte Designmanagement, Sozialpädagogik und Journalismus und arbeitete mehr als 12 Jahre als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bis 2015 war sie hauptsächlich im Bildungs- und Forschungsbereich tätig und entwickelte neue Studiengänge wie den BA Design Management, International (DMI) oder eine Forschungsgruppe zu Design Management und Design Innovation an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Swiss Design Transfer", einem regionalen Zentrum für Designpromotion und -unterstützung für KMU. Und sie war die Gründerin und erste Geschäftsführerin des Creative Hub, einer Plattform zur Unterstützung von Start-ups im Schweizer Designsektor. Sie hat einen Doktortitel in Design von der Lancaster University/Imagination mit besonderem Schwerpunkt auf Innovation und Designmanagement. Von 2016 bis Mitte 2022 war sie die Leiterin der Geschäftsstelle der ausserparlamentarischen Kommission Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR: **************** Since December 2020, Claudia Acklin publishes an episode of a podcast every three week. "Nature and the city" deals with urban ecology, biodiversity and climate change and the implications of the latter for citizens living in cities. - Claudia Acklin studied design management, social pedagogy and journalism; she worked for more than 12 years as a journalist and documentary filmmaker. Until 2015, she has mainly been working in the educational and research field and developed new study programmes such as the BA Design Management, International (DMI) at Lucerne School of Art and Design or a research group on design management and design innovation. She also is a founding member of the association “Swiss Design Transfer”, a regional centre for design promotion and support for SMEs. And she was the founder and first managing director of the Creative Hub, a platform to support start-ups of the Swiss design sector. She holds a PhD in design from Lancaster University/Imagination with a special focus on innovation and design management. From 2016 until mid 2022 she was the head of the secretariat of the extra-parliamentary commission Swiss Science Council SSC.

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